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Lumpazivagabundus: Nestroys Kinderwagen-Tragödie

(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)
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Lumpazivagabundus im Theater in der Josefstadt: Georg Schmiedleitner verschlankt in seiner Inszenierung Nestroys zynische Komödie und traut sich Sarkasmus zu. Erni Mangold gibt dem Feenreich starken Charakter.

Bei der Party im Reich des Feenkönigs Stellaris (Alexander Waechter) sind die meisten der Gäste im reifen Alter. Manche, selbst die Darstellerinnen junger Elfen, haben sicher schon vor 40 oder 50 Jahren bei Johann Nepomuk Nestroys (1801–1862) zynischer Komödie „Der böse Geist Lumpazivagabundus“ mitgespielt. Aber das Fest der Überirdischen hat Stil, selbst wenn vorerst auf nackter Bühne (Florian Parbs) nur ein Sitzmöbel zur Verzierung herabschwebt. Als Band wurden in dieser Inszenierung von Georg Schmiedleitner immerhin die Sofa Surfers engagiert – und allein ihre schräge, immer einfühlsame, sogar dezente Musik macht die gut zwei Stunden mit dem „liederlichen Kleeblatt“ kurzweilig.
Auch die Rolle des Lumpazivagabundus war ein Glücksgriff; Erni Mangold mit Glatze spielt diesen Ungeist, der aus braven Handwerkern und blasierten Feen Hasardeure und Prasser macht, begeisternd. Zudem hat sie auch weitere passende Nebenrollen. Sie wirkt dadurch omnipräsent, gibt tanzend und Possen reißend den Takt vor. Nach der Premiere im Theater in der Josefstadt am Donnerstag weiß man: Hier wird richtig schwarzer Nestroy gespielt, da darf man Fratzen machen und bittere Miene zum Endspiel. Es geht um die Krise, um Glücksritter, um die Verdorbenheit der Welt im explosiven Vormärz. Der Stoff ist immer noch aktuell. All dies kann man aus Mangolds Auftritten herauslesen. Applaus für eine großartige Charakterdarstellerin!

Der glatte Aufsteiger und das Prekariat

So viel Galle haben die drei Hauptdarsteller nicht, aber zumindest spielen sie ausgeprägte Charakterköpfe. Die Gesellen werden für ein Experiment der Feen missbraucht. Macht sie Amorosas Liebe (Marianne Nentwich) zu anständigen Bürgern, oder weist ihnen doch die windige Fortuna (Lotte Ledl) den Weg zum Glück. Ein Lotteriegewinn wird arrangiert, der die drei jungen Männer auf die Probe stellen soll. Das Wirtshaus, in dem sie ihrem Schicksal begegnen, ist halbseiden und billig, wie käufliche Damen agieren die Kellnerinnen (Therese Lohner, Susanna Wiegand). Zum Schlafen (und Träumen vom großen Los) machen es sich die drei Gesellen auf drei Flipper-Automaten unbequem. Da leuchten im Hintergrund schon die Sterne und ein glitzernd-rotes Neonherz. Der Loskauf (Mangold ist der Hausierer, das Böse ist immer und überall) läuft ab wie ein kleiner Drogenhandel am Strich.
Bei solchen Transaktionen wirkt Rafael Schuchter etwas deplaziert. Muss er doch den braven Tischler Leim geben, der aus Liebesschmerz flüchtete. Leim bleibt zwar reich und ist als Meister im Haus des Schwiegervaters (Toni Slama) erfolgreich, er bekommt auch seine Peppi (Daniela Golpashin) zur Frau, aber das hat in dieser Regie seinen Preis. Kalt und berechnend erscheint der erst so gutherzige Leim im dritten und letzten Akt, das Haar geölt, die Hosenträger so breit wie bei einem Wall-Street-Hai, der teure Anzug würdig einem Lobbyisten (Kostüme: Nicole von Graevenitz). Das wirkt bei Schuchter sehr lebensecht. Man könnte auch sagen, dieser Aufsteiger ist zum abgründigen Biedermeier verdammt und reißt dabei auch seine Kumpane mit. Die Herren stehen mit ihren Angetrauten schließlich vor drei Kinderwagen; das wirkt bei Schmiedleitner wie eine Tragödie.

Das Lied vom Kometen in Punk-Version

Welch ein Kontrast sind bis zu diesem sarkastischen Schluss Leims Freunde, Paradebeispiele des Prekariats! Martin Zauner als trunksüchtiger Schuster Knieriem hat das Talent zum Possenreißen und auch die Gelegenheiten dazu. Er kostet sie weidlich aus, als Clochard mit fettiger Mähne, der im Dauerrausch unkontrolliert zwischen Gemütlichkeit und Aggression schwankt. Sein Kometenlied, von den Sofa Surfers aufgepeppt, ist ein passabler Rapp. Die Pointen setzt Zauner im Verlauf des Abends, wenn Knieriem vom Bier über den Wein bis auf den Schnaps gekommen ist, immer präziser. Auch Florian Teichtmeister wirkt sicher in der Zurschaustellung eines zwielichtigen Charakters. Im Erobern und Ausgeben ist dieser Schneider  Zwirn maßlos, im Denken beschränkt. Vor allem in der Szene als Neureicher in Prag brilliert Teichtmeister. Wie ein Boxchampion tritt er auf, mit massiven Goldketten, an jedem Finger einen Ring, in jedem Arm eine Halbweltdame, die ihn ausnimmt. Reichlich Lacher erntet er für sein abenteuerliches italienisches Palaver und beim Brief-Sketch. In diesen skurrilen Szenen gibt es Nestroy, wie man ihn kennt, mit skurrilem Wortwitz und lustvollem Zusammenspiel. Öfters aber auch fehlt in dieser schlanken Fassung das Knistern, das entsteht, wenn es gelingt, fast so boshaft wie der böse Wiener Geist selbst zu sein.

Termine im Theater in der Josefstadt: 16., 18., 24.–26. September, 9., 10., 14., 16. Oktober.