Wenn die Psyche Laden hat. Und wo der Kaiser zu Fuß hingeht. Hinweise zur Kulturgeschichte des Sanitärmobiliars.
So eine Psyche ist ein seltsames Ding. Wofür soll sie eigentlich gut sein, habe ich mich oft gefragt. Nein, nicht von unserem Innersten ist die Rede, sondern von einem schlichten Möbel, das noch in den 1940ern und 1950ern zum unabdingbaren Bestand selbst nur mittelprächtiger Schlafzimmerausstattungen zählte: ein niedriges, länglich enges Kommödchen mit Lädchen, Türchen, Fächerchen, in denen sich kaum mehr als ein bisschen Schmuck und kleinere Toiletteaccessoires unterbringen ließen; eine Zukunft als Depot familiären Ramsches aller Art schien unvermeidlich. Ach ja, und dann war da noch – als dominantes Element – dieser manns- respektive fraushohe Spiegel. Alles zusammen ein Stück Inventar, das sich, fühlbar aus einer sehr viel besseren Gesellschaft kommend, in die Kleinbürgerlichkeit meiner Kindheit verirrt hatte und nun einigermaßen rat- und zwecklos an der Wand des elterlichen Schlafzimmers stand.
Unvermutet bin ich einem dieser sozial deklassierten Wiedergänger aus einer aristokratischen Welt kürzlich im Wiener Hofmobiliendepot begegnet: „Psyche, Ahorn, politiert, Spiegelglas, Metallfassung“ vermerkte die Beschreibung dazu knapp, und dass das Werk von einem Herrn Sereinig stamme – Objekt einer Schau, die sich ab 21. September diesen und anderen „Intimen Zeugen“ mobiliarer Art widmet – und jene Entwicklung nachzeichnet, die „Vom Waschtisch zum Badezimmer“ (so der Untertitel) führte.
Händewaschen sei „neuerdings groß in Mode“, meint die wissenschaftliche Leiterin des Hauses, Ilsebill Barta, im Katalog dazu, denn: „Toxische Bakterienstämme erobern sich in der abweisenden Welt klinischer und nur vermeintlicher Sauberkeit Terrain zurück.“ Also kehre „ein alter Ritus“ als Vorkehrung gegen neue Krankheiten wieder: „das Reinigen der Hände vor dem Essen“. Je nun, „Vor dem Essen, nach dem Essen Hände waschen nicht vergessen“ wird den meisten noch aus Kindertagen in den Ohren hallen, aber: Wer von uns hat sich denn daran so streng gehalten?
In Zeiten hingegen, die nicht gerade im Geruch sonderlicher Reinlichkeit stehen, also etwa jenen, da man, mangels Gabel, noch vorzüglich mit den Fingern aß, gehörte das Händewaschen vor der Nahrungsaufnahme zum selbstverständlich vorausgesetzten guten Ton. „Dazu wurden bei der Tafel an den Höfen des Mittelalters Wasserbecken und Krüge aus Metall herumgereicht“, erläutert Eva B. Ottilinger bei einem Rundgang durch die von ihr kuratierte Ausstellung, „in einfacheren Haushalten Zuber aus Holz sowie Schüsseln und Krüge aus Keramik.“
So viel zur frühen Reinlichkeit bei Tisch. Etwas anders liegen die Dinge, wo es im christlichen Abendland um Körperpflege jenseits der Hände geht. Diesem Zweck einen eigenen Raum im Haus zu reservieren ist eine ziemlich neue Idee. In Wiener Bauordnungen hat sie, wie Frau Ottilinger recherchierte, „erst nach dem Zweiten Weltkrieg“ Einzug gehalten.
Im Übrigen wurde eine allzu direkte Konfrontation menschlicher Haut mit Wasser im Lauf der Jahrhunderte immer wieder nicht nur als sittlich, sondern fallweise gar als gesundheitlich bedenklich eingestuft. „Das Baden ist nicht nur überflüssig, sondern für den Menschen zudem äußerst schädlich“, hielt beispielsweise Theophraste Renaudot, Leibarzt König Ludwigs XIII., fest. Lange Zeit sind es selbst unter hochherrschaftlichen Gegebenheiten nur einzelne Möbelstücke, die der Körperpflege dienen: der Wasch- und der Toilettetisch beispielsweise, beide in ihren frühen Ausprägungen ihren eigentlichen Nutzen hinter einer Schreibarbeit signalisierenden Holzfassade verbergend, ehe sie immer unverschämter zeigen, wozu sie geschaffen sind.
Es sind solche Entwicklungslinien von Möbeltypen, die Ottilinger anschaulich machen will, und so finden wir die Jahrzehnte und Jahrhunderte in Schaustücken nebeneinander aufgereiht, sehen, wie Mahagoni allmählich Metall und Marmor Platz macht, wie aus einer Art Sekretär mit integriertem Spiegel irgendwann so etwas wie eben die „Psyche“ unserer Mütter und Großmütter schlüpft.
Naturgemäß wird auch jenes Orts gedacht, an den – wie man so sagt – sogar der Kaiser zu Fuß ging. Eine Wendung, die schon deshalb wunder nimmt, wird der Regent, so imperial er sich geben mochte, ja auch in andere Kammern seiner Schlösser oder Burgen nicht geritten sein. Gleichviel, was das hiesige Kaiserhaus betrifft, gab's da ohnehin die längste Zeit nicht jene gewisse Kemenate. Erst 1899 ließ Franz Joseph in seinem Schönbrunner Appartement ein „Closet“ einbauen. Bis dahin mussten „Zimmerretiraden“ als Hort seiner Erleichterung herhalten, womit mehr oder minder aufwendig gestaltete Leibstühle gemeint sind.
Auch anderen Errungenschaften des Hygienischen schenkte Franz Joseph wenig Augenmerk. So blieb er zeit seines langen Lebens seinem simplen Waschtisch treu, während seine körperpflegebewusste Gattin schon früh den Komfort eines eigens für sie installierten Badezimmers genoss. Der francisco-josephinische Waschtisch ist – als Beleg monarchischer Genügsamkeit – bis heute im Schloss Schönbrunn zu sehen, die transportable Gummibadewanne hingegen, in der Seine Majestät die staatsgeschäftlich strapazierten Glieder von Zeit zu Zeit unter Wasser zu tauchen geruhte, die wird wohl irgendwann wie die Monarchie selbst zerbröselt sein. Immerhin, in den Inventarlisten des Hofs lässt sie sich unstreitig identifizieren.
Dennoch: Viel Sanitäres von ehedem hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Die 23-teilige Reise-Toilettegarnitur von Kaiserin Elisabeth und und ein Toilettetisch aus Josef Hoffmanns Sanatorium Purkersdorf, feudale und nicht so feudale Nachttöpfe oder eine Gusseisen-Bassena aus der Wiener Vorstadt. Gemeinsam erzählen sie im Hofmobiliendepot von einer Zeit, in der Reinlichkeit und Körperpflege sehr viel größerer Anstrengungen bedurften, als einfach nur im Zimmer nebenan den Wasserhahn aufzudrehen. Und ehe wir über jene Tage lästern, in denen das tägliche Duschbad noch nicht comme il faut war, sollten wir uns vergegenwärtigen, wie viele von uns wie oft diese Anstrengungen auf sich genommen hätten. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2011)