Ein Tanz zum Leben aus den afrikanischen Abgründen

Manchmal öffnet sich aus den schwersten Erfahrungen des Leidens ein Himmel. Wem wünsche ich dieses Wunder?

Vater, verherrliche
deinen Namen!

Joh 12,28

Kakuma, der ehemals kleine Ort in der wüstenähnlichen Region Turkana im Nordwesten Kenias, ist zu einer kleinen Stadt geworden. Heute leben dort über 80.000 Flüchtlinge, vor allem aus Somalia, dem Sudan, Äthiopien und Uganda.

Die meisten von ihnen sind vor blutigen Konflikten geflohen, viele von ihnen haben Morde in ihren eigenen Familien erlebt. Eine Stadt voller Traumata – und eine Stadt voller Kinder und Jugendlicher. Internationale Organisationen vollbringen logistische Großleistungen, um den Flüchtlingen das Überleben zu sichern. Und doch ist der Alltag ein hartes Ringen. Als ich Mitte August Kakuma besuchte, war gerade einer der seltenen starken Regenfälle über das Land gekommen. Viele der von Hand gebauten Lehmhäuser waren weggespült worden.

Meinen Kollegen Alfonso begleitete ich zu einer sudanesischen Gemeinde, um Mariä Himmelfahrt zu feiern. Mit der Kirche aus Wellblech betraten wir gleichsam eine andere Welt. Harfen und Trommeln begleiteten den Chorgesang, Kinder in bunten Gewändern tanzten in feierlicher Langsamkeit den Weg zum Altar.

Sie alle waren im Lager aufgewachsen, umgeben von Härte, Hitze und Gefahr. Und doch strahlte ihr Tanz Schönheit, Würde, Anmut, Leichtigkeit, Dankbarkeit aus. Es war, als tanzten die Kinder in Abgründe von Leiden und Tod einen Himmel von Leben und Schönheit. In meinem Staunen kam mir unwillkürlich der achte Psalm in den Sinn. „Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob, deinen Gegnern zum Trotz.“

Diese Kinder tanzten zum Lob für den Gott des Lebens, entgegen allen lebensfeindlichen Erfahrungen des Lagers. Und zwischen den afrikanischen Gesängen begann ich Bachs Johannespassion zu hören, die mit dem eröffnenden Vers eben dieses Psalms beginnt: „Herr, unser Herrscher, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!“

Bach vertont auf diese Weise, worum Jesus vor seinem Leiden bittet: „Vater, verherrliche deinen Namen!“ Jesus scheint sich mit dem achten Psalm dessen gewiss zu sein, dass sich in seinem eigenen Schicksal göttliche Herrlichkeit spiegelt: „Seh' ich den Himmel, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt: Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.“

Wie Jesus weckten auch die Kinder von Kakuma in mir ein Staunen: Wie können Menschen voller Hingabe schwerste Erfahrungen in Schönheit verwandeln?

Den Kindern habe ich versprochen, dass wir in Europa gemeinsam mit ihnen für ein friedlicheres und glücklicheres Afrika beten. Manchmal öffnet sich in Abgründen des Leidens ein Himmel. Wem wünsche ich dieses Wunder?

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.


E-Mails: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2011)