Zwischen Krieg und Frieden: Leben in der WG

Zwischen Krieg Frieden Leben
Zwischen Krieg Frieden Leben(c) BilderBox (BilderBox.com / Erwin Wodicka)
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In teuren Städten ist es ein notwendiges Übel. Aber auch im vergleichsweise günstigen Wien lebt man gerne in der Wohngemeinschaft. Vier Langzeit-WGler erzählen, was sie trotz Geschirr-Querelen dort hält.

Die Didzoleits empfangen einen freundlich lächelnd, leger gekleidet und flankiert von einem Langhaar-Chihuahua im gut 25 Quadratmeter großen Vorzimmer ihrer Sechszimmerwohnung. Auf der Wandtafel hinter ihnen, über der ein Gandhi-Konterfei hängt, stehen Glückwünsche – zu ihrer Hochzeit im letzten Monat. Gefeiert haben sie freilich hier zu Hause, mit Freunden, und vor allem mit ihren vier Mitbewohnern: Denn Kristen Steller-Didzoleit und Jonas Didzoleit wohnen noch immer in der Wohngemeinschaft, die sie vor drei Jahren als Paar mit ein paar Freunden gegründet haben.

„Wir haben uns zu jung gefühlt, um schon alleine zu leben“, sagt Kristen, 26, und gebürtige US-Amerikanerin. Während eines Austauschjahres in Österreich lernte sie ihren heutigen Mann Jonas kennen. Der wohnte schon damals in einer WG, und sie bald bei ihm. Als es zu eng wurde, beschlossen die beiden, selbst eine zu gründen. Die Wohnung war schnell gefunden, die Freunde problemlos überzeugt.

Neun Leute waren es zu Beginn, davon drei Paare. Aber auch das wurde zu eng. Übrig blieben sechs Bewohner, die sich seither ein Badezimmer, eine Küche und zeitweise auch ein Leben teilen. „Vor allem am Anfang haben wir viel gemeinsam gemacht. Wir haben fast jeden Tag gefeiert“, erzählt Kristen, die an der Boku ein Masterstudium in Agrar- und Ernährungswirtschaften absolviert.

Jonas macht sich ein Bier auf, zündet sich eine Zigarette an, lässt sich auf einen Sessel im gemeinsamen Wohnzimmer fallen. Hinter ihm steht eine Bar aus Holz, selbstgezimmert und reichlich mit Wodka und Co. befüllt. „Die Bar war das erste, was hier gestanden ist“, sagt er. Sie ist der Mittelpunkt der Wohnung. Hier trifft man sich zum Feiern, spricht sich aus oder hält Castings für potenzielle Neuzugänge – zum Beispiel Erasmus-Studenten, die hier immer wieder wohnen.

Ihre Wohnung erinnert stark an die klassische Seifenopern-WG: Alle sind befreundet, einige verbandelt, man isst gemeinsam, hängt zusammen ab, hat gute, aber eben auch nicht so gute Zeiten. „Schwierig war es vor allem, als die Ersten angefangen haben, zu arbeiten. Da mussten wir uns komplett neu orientieren.“ Gehörte die tägliche Party am Anfang zum WG-Alltag, musste man abends plötzlich leise sein. Das führte zu Spannungen: „In manchen Zeiten haben wir kaum miteinander gesprochen“, sagt Kristen.

Das war umso schwieriger, sagt Jonas, weil das WG-Leben am Anfang richtig familiäre Züge hatte. „Meine WG ist meine Welt“ – nach diesem Motto habe er lange gelebt. „Vor allem am Anfang war die WG ganz stark ein Familienersatz“, sagt Jonas, der aus Deutschland zum Studieren nach Wien gekommen ist. „Deshalb haben wir auch manchmal viel gestritten. Aber es hatte nie persönliche Konsequenzen.“ Auch der Übergang zum „normalen“ Leben – und von der Studenten- zur Erwachsenen-WG – habe gut funktioniert. „Momentan ist es richtig entspannt“, sagt Kristen. „Wir machen alle unsere eigenen Sachen, können aber auch super zusammen sein.“


Urlaub in der WG der Freunde. Zum Beispiel beim wöchentlichen Baseball-Spielen im Prater. Oder beim In-der-Sonne-Sitzen im Museumsquartier, wo man sich regelmäßig mit einer anderen, befreundeten WG trifft. Oder beim Fußball-Schauen und Elektro-Grillen im Wohnzimmer, einem der WG-Rituale. Und schließlich wenn man „gemeinsam auf der Xbox in den Krieg zieht“, sagt Jonas, der demnächst sein WU-Studium abschließen wird.

Einmal hat Jonas „Urlaub auf der anderen Seite der Stadt“ gemacht: Die Mitbewohner seines besten Freundes waren verreist, und Jonas fiel zu Hause die Decke auf den Kopf. Also packte er seinen Rucksack und übersiedelte für eine Woche in die andere WG. Es gab sogar die Idee, diesen Zimmertausch zu institutionalisieren – für den Fall, dass es einem zu Hause zu laut wird, und man sich zum Beispiel nicht aufs Lernen konzentrieren kann. „Aber mittlerweile wäre uns das zu abenteuerlich.“

Kirsten, Jonas und die anderen vier leben auf stattlichen 200 Quadratmetern. Aber sechs Menschen, die sich ein einziges Bad und eine Küche teilen – wie lässt sich da der Friede wahren? Ganz einfach: Nach einigem Herumprobieren – ein Putzplan habe nie so richtig funktioniert – einigte man sich auf das Prinzip des „kleinsten gemeinsamen Nenners“: „Man versucht, in den Gemeinschaftsräumen jedem so viel Freiraum wie möglich zu geben, was die Ordnung betrifft. Und nicht den eigenen Maßstab von Sauberkeit anzusetzen. Denn das ist ja der Grund, warum WGs oft in die Brüche gehen“, sagt Jonas.

Manchmal, meint Kristen, fehle ihr schon die Privatsphäre. „Aber das Schöne ist, wenn du Gesellschaft brauchst und nicht nur zu zweit sein willst, ist immer jemand da.“ Jonas relativiert: „Ich kann mir das schwer vorstellen, dass man sich jedes Mal, wenn man sich mit jemandem treffen will, etwas ausmachen und in eine Bar gehen muss. Unsere Mitbewohner sind unsere besten Freunde.“


Die gleichen Interessen. In Österreich wird das Leben in WGs jedenfalls immer beliebter. Glaubt man einer vorsichtigen Schätzung der Trendforscherin Andrea Baidinger, dann lebt zur Zeit ein knappes Prozent der Österreicher in einer Wohngemeinschaft. „Und die Zahl nimmt zu“, sagt Baidinger, und zwar nicht nur unter Studenten, sondern auch unter Pensionisten. Mit dem Kommunen-Gedanken der 68er-Jahre habe die WG von heute allerdings nichts mehr zu tun. Heute ziehen Menschen laut Baidinger aus rein finanziellen Gründen zusammen: Denn den wirklich billigen Wohnraum der Nachkriegszeit gebe es nicht mehr. Gleichzeitig wollen viele auf einen gewissen Wohnstandard nicht verzichten, können sich ihn aber alleine nicht mehr leisten.


Der Ekel-Faktor. So wie die 26-jährige Stefanie aus Würzburg, die zuerst vier Jahre gemeinsam mit ihrem Freund in Wien gelebt hat, bis sie sich von ihm trennte und kurzerhand in die Wohnung von drei Freunden einzog. Seither lebt sie mit zwei deutschen Burschen und einem Mädchen aus der Steiermark zusammen.

Und das funktioniert tadellos. Weil Stefanie ein paar Regeln beachtet: „Das Wichtigste am WG-Leben ist, dass es ausgeglichen ist. Es ist ein ständiges Geben und Nehmen“, erklärt sie ihre Strategie. Das heißt, wenn ihr Mitbewohner Lukas ständig für alle kocht, kauft sie mehr Klopapier oder putzt häufiger. Am Ende des Tages muss es stimmen. In den zwei Jahren, in denen sie nun schon in der WG wohnt, hätten sie und ihre Mitbewohner sich kein einziges Mal gestritten. Was auch am gemeinsamen „Ekligkeitslevel“ liegt, sagt Stefanie: Der sei bei allen ungefähr gleich schwach ausgeprägt.

Tatsächlich scheint es vor allem der Putzteufel zu sein, der Wohngemeinschaften immer wieder auseinanderbringt. Oder unterschiedliche Lebensrhythmen, vielleicht auch der untragbare Musikgeschmack des Mitbewohners. Glaubt man den Aussagen von überzeugten WGlern, dann muss man die WG schon ein bis zwei Mal im Leben wechseln, bis es passt. Zu groß ist das Konfliktpotenzial, zu schnell ändern sich die Lebensumstände.

Urbane Jungspund-Magazine und Ratgeber-Bücher überschlagen sich daher mit gut gemeinten Tipps für ein reibungsloses Zusammenleben à la „Geh deinem Mitbewohner nicht an die Wäsche und halte die eigene sauber.“ Denn an der Frage, ob Haare in der Badewanne liegen dürfen, ist schon so manche WG gescheitert. Hilft alles nichts, muss umgezogen werden. Und das passiert im regen Austausch: Im österreichischen WG-Portal „jobwohnen.at“, das sich primär an Studenten richtet, werden jede Woche 100 bis 200 Anzeigen aufgegeben. Wegen des bevorstehenden Uni-Beginns sind es „momentan deutlich mehr“, sagt Oliver Olbrich von jobwohnen.at.

Eine Frage der Haare. Auch Stefanies Freundin Gabriele war in diesem Semester auf der Suche nach einem neuen Mitbewohner. Die 27-Jährige hatte sich davor die Eigentumswohnung ihrer Mutter mit einem Geschwisterpaar aus Südtirol geteilt. Aber leider ging das total daneben. „Wir hatten eine vollkommen unterschiedliche Auffassung vom Putzen“, sagt Gabriele, „vielleicht vom Zusammenleben überhaupt“. Wobei gar nicht die Küche der Stein des Anstoßes war, sondern das Bad. „Bei uns war der Abfluss immer mit dicken Haaren verstopft“, sagt Gabriele und schüttelt sich vor Ekel. Damit wollte sie nicht leben.

Und auch sonst blieb vom Wort „Wohngemeinschaft“ wohl nur die gemeinsame Wohnung über. Zu den beiden Geschwistern zogen irgendwann die dazugehörigen Freunde. „Und bald waren wir mehr eine Fünfer- als eine Dreier-WG“, erzählt Gabriele. Und: „Ich bin fast gar nicht mehr aus meinem Zimmer gegangen“. Das Fass zum Überlaufen brachte schließlich eine Party kurz vor ihrer Diplomprüfung. „Als ich sie gebeten habe, leise zu sein, haben sie nur gemeint, sie zahlen halt auch Miete.“

Das Drama endete nach drei Akten, im dritten Semester mussten die beiden ausziehen. Jetzt hofft Gabriele auf ein neues Glück mit einem neuen Mitbewohner. „Das ist ein Freund von einer Bekannten, ich glaube das funktioniert besser, weil er nicht ganz wildfremd ist“, sagt sie.

Irgendwann ist Schluss. Und auch die Didzoleits überlegen derzeit, die WG früher oder später zu verlassen – allerdings im Tausch gegen traute Zweisamkeit. „Jetzt, wo wir verheiratet sind“, sagt Jonas. Auch, wenn er noch mit sich hadert. Er könnte sich nämlich gut vorstellen, die WG ins richtige Erwachsenen-Leben mitzunehmen. Sogar mit Kindern. „Ich habe da schon so meine Theorien. Es ist doch toll, wenn die Kinder mehr als zwei Bezugspersonen haben.“ Aber, sagt Jonas, mit einem Blick auf seine Frau, „da muss ich erst noch Kristen überzeugen“.

Die Wohngemeinschaft

Nicht nur unter Studenten, auch unter Pensionisten wird die WG immer beliebter, weil sich damit ein Wohnstandard finanzieren lässt, den man sich alleine nicht leisten könnte.

Vorsichtigen Schätzungen zufolge lebt ein knappes Prozent der Österreicher in Wohngemeinschaften.

Und es wird mehr: Die Beraterin Andrea Baidinger führt das vor allem darauf zurück, dass es kaum mehr „wirklich billigen Wohnraum“ gibt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2011)

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