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Burgtheater im Kasino: Antike Telenovela

Burgtheater Kasino Antike Telenovela
Perikles(c) Dapd (Lilly Strauss)
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Stefan Bachmanns Inszenierung von "Perikles" ist durchwachsen. Aus dem Meer der Langeweile dieser Romanze der Stewart-Zeit erheben sich zahlreiche Inseln der Komik mit lustvollem Spiel.

Mit dem Namen William Shakespeare warb im Jahre 1609 ein Raubdruck in London für das Drama „Pericles“, das die abenteuerlichen Seefahrten eines antiken Prinzen auf die Bühne bringt. Apollonius von Tyrus heißt er noch in der hellenistischen Vorlage. Der englische Dichter John Gower hat 200 Jahre vor Shakespeare diesen Liebesroman für seine „Confessio Amantis“ verwendet. Teile des um 1607 entstandenen „Pericles“ könnten tatsächlich von Shakespeare aus Stratford geschrieben worden sein, doch wahrscheinlich stammt mehr als die Hälfte von einem weniger begabten Kollegen des Dichters – vielleicht von George Wilkins, der 1608 die Novelle „The Painful Adventures of Pericles Prince of Tyre“ veröffentlicht hat.

In der Stewart-Zeit war diese frühe Romanze auf der Bühne äußerst beliebt, um dann für 200 Jahre fast vergessen zu werden. Die späte Aufnahme in den Shakespeare-Kanon bleibt umstritten. Der Text des „Pericles“ ist von sehr unterschiedlicher Qualität.

Durchwachsen ist auch die mutige Interpretation dieser Rarität, die Regisseur Stefan Bachmann dem Burgtheater in einer eigenen deutschen Übersetzung (mit Barbara Sommer) beschert hat. Bei der Premiere am Samstag im Kasino am Schwarzenbergplatz zeigte sich, dass Bachmanns „Perikles“ von Ideen sprüht. Die sind manchmal aber überreich. Um es romantisch zu sagen: Aus dem Meer der Langweile ragen einige Inseln heraus, die Kurzweil versprechen.

 

Auf hoher See und in Wiener Puffs

Zehn Schauspieler (inklusive Souffleuse Monika Brusenbauch), die in Dutzende Rollen schlüpfen, sind meist lustvoll bei der Sache. Besonders wenn Barbara Petritsch, Markus Meyer, Gerrit Jansen oder Hermann Scheidleder aus sich herausgehen, wird alles gut. Besonders reizend: Ephesos als Hippie-Kommune. Fast schon aufdringlich: ein Piratenüberfall zum Titelsong „Fluch der Karibik“. Aber alles in allem ziehen sich die drei Stunden wie ein Strudelteig. Das liegt am Text und auch am Ehrgeiz des Regisseurs, der alles und allen etwas bringen will, einmal sogar in einem modernen Sketch über moderne Regisseure sich selbst und die ganze postdramatische Misere thematisiert.

Der Abend beginnt klassisch streng mit einem klaren Bühnenbild (Steffen Schmerse, Bachmann); graue Zuschauerreihen säumen die sich auf beiden Seiten verengende Bühne. Sie wirkt wie ein Schiff. Statt Planken gibt es graues Linoleum, statt Segel auf beiden Seiten Vorhänge mit schmalen Stoffbahnen, aus denen aufgetreten wird und die auch als Projektionsfläche dienen.

Eine Gesellschaft mit Sarg kommt herein. Ihm entspringt der Dichter John Gower (Kaveh Parmas). Wie ein moderner Bänkelsänger wird er, begleitet von Andreas Radovan, in platten Versen die Handlung vorantreiben – Serien an Liebesgeschichten, Inzest, Mord, Scheintod, Erweckungen sowie die Präsentation guter und schlechter Herrscher in Antiochien, Tyrus, Tarsus, Pentapolis, Mytilene, Ephesos. Man glaubt eine Bildungsreise durchs östliche Mittelmeer zu erfahren, während es eigentlich um die Zustände am Hof von King James oder in Wiener Puffs von heute geht. Die Aufteilung der Rollen hat Bachmann geschickt gelöst. Jeder kann in jeden schlüpfen; Scheidleder ist der erste Perikles, der mit einem Stoffhasen in der Hand um die erste Prinzessin wirbt; Melanie Kretschmann gibt eine Serie junger Damen, Huren und Heilige, immer voll Engagement. Dann übernimmt Simon Kirsch glaubwürdig die Heldenrolle, um sie an Stefan Wieland abzugeben. Am Schluss hat Rudolph Melichar den Part, als ungepflegter, verwirrter Abenteurer mit hüftlangem Haar.

Jedermann kann Perikles sein, aber weil die Geschichte nicht nur von John Gower in Zwischenspielen angekündigt wird, sondern auch noch auf der Leinwand bei jeder Szene Orte und moderne Sinnsprüche aufleuchten, bleibt alles hübsch übersichtlich. Am Anfang werden sogar Taschenlampen bereitgestellt, damit die Zuschauer die Handlung auch im Halbdunkel verfolgen können. Dieser „Perikles“ wirkt wie eine Telenovela, und das ist eine passende Wahlverwandtschaft zur Romanze der Shakespeare-Zeit. Regelmäßig erlebt das Publikum Höhen und Tiefen von Menschen, die ausgesetzt sind – auf den Bergen des Herzens und den Tücken der See. Man sollte nicht nur Lampen, sondern auch Taschentücher reichen.

Aber so konsequent ist diese Inszenierung nicht, die leider geschwätzige neue Metatexte zwischen das Geschehen pappt. Das Stück endet nicht wie im Original versöhnlich als Wiedervereinigung des Helden mit totgeglaubter Gattin und Tochter, mit der Bestätigung und Ausweitung legitimer Herrschaft, sondern als wirrer Traum eines Sterbenden. Kein Happy Ending? Das haben sich weder die Liebhaber von Seifenopern noch der arme Perikles verdient.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2011)