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Muskelschwund: Riskant und viel zu wenig beachtet

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Sarkopenie, der Verlust an Muskelmasse und -kraft, beraubt viele Menschen ihrer Selbstständigkeit. Dennoch wird dieses folgenschwere Syndrom sträflich vernachlässigt – von Ärzten wie von Betroffenen.

Ein Großteil der älteren Leute, die sich nicht mehr aus dem Haus bewegen können, leidet nicht etwa an einer lebensgefährlichen oder besonders schweren Krankheit, sondern ist einfach zu schwach. Es fehlt den Betroffenen an Muskeln und Kraft. Sarkopenie, alters-, krankheits- oder lebensstilbedingter Abbau von Muskelmasse, -kraft und -funktion, ist eine wahre Geißel vor allem der alternden Menschheit. Man verliert leichter das Gleichgewicht, Alltagsaktivitäten wie das Öffnen von Schraubgläsern, Gehen, Treppensteigen, vom Stuhl aufstehen werden schwieriger bis unmöglich.

 

Häufige Folge: Behinderung

Mehr als 40 Prozent der über 75-Jährigen und weit mehr als die Hälfte aller 80-Jährigen sind von Sarkopenie betroffen. Sie stellt eine der Hauptursachen von Behinderungen bei älteren Menschen dar. Und dennoch wird ihr – im Gegensatz etwa zu Krebs oder Diabetes – noch viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Sowohl seitens der Bevölkerung als auch seitens der Ärzteschaft. „Eine völlig unterdiagnostizierte Problematik im Verhältnis zu ihrer immensen Bedeutung“, kritisiert Dr. Klaus Hohenstein vom Geriatriezentrum am Wienerwald.

 

Sturzrisiko stark erhöht

„Auch bei den Forschern und Fördergebern steht Sarkopenie noch nicht im Fokus, obwohl es sich um eine echte Volkskrankheit handelt“, sekundiert Univ.-Prof. Dr. Reginald Bittner, Vizepräsident der österreichischen Muskelforschung und Leiter der Neuromuskulären Forschungsabteilung an der Medizinischen Universität Wien. Wenn diese Krankheit auch vorwiegend bei älteren Menschen auftrete, sei Muskelschwund per se nicht ans Alter gebunden. „Auch bei Jugendlichen, die einige Zeit ans Bett gefesselt sind, tritt er auf. Inaktivität der Muskulatur führt immer zu deren Abnahme. Da reicht es, wenn man eine Woche mit Grippe im Bett liegt.“ Ein 20-Jähriger aber hat keine Schwierigkeiten, die Muskeln schnell wieder aufzubauen, bei 80-Jährigen kann das hingegen zu einem massiven Problem werden.

„Rund 50 Prozent aller Aufnahmen in ein Pflegeheim erfolgen wegen Immobilität als direkte Folge eines altersassoziierten Muskelschwunds“, weiß Hohenstein. Sarkopenie sei mittlerweile gut diagnostizierbar und zwar auf morphologischer wie auf funktioneller Ebene. „Allein die funktionelle Ebene, also etwa die Messung von Ganggeschwindigkeit und Handkraft, ist schon sehr aussagekräftig. Das kann leicht auch beim praktischen Arzt stattfinden.“

 

Ausbruch aus dem Teufelskreis

Verlust der Muskelkraft ist auch einer der bedeutendsten Risikofaktoren für erhöhte Sturzgefahr. Nach einem Sturz aber haben viele Angst vor einem zweiten, bewegen sich weniger, verlieren noch mehr Muskeln, werden noch schwächer. „Es ist ein Teufelskreis, der noch durch andere hochkomplexe Prozesse des Alterns verschärft wird“, erwähnt Bittner.

Und dennoch gibt es Wege, den Teufelskreis zu unterbinden oder gar nicht erst voll hineinzugeraten. Ein wichtiges Element dabei ist die Bewegung. „Ab dem 30. Lebensjahr verlieren wir zwar pro Jahrzehnt rund drei bis fünf Prozent an Muskelmasse. Auf der anderen Seite kann ein 70-Jähriger, der regelmäßig trainiert hat und trainiert, ohne weiteres die gleiche Muskelkraft und -masse besitzen wie ein 30-Jähriger“, zeigt Hohenstein die immense Wichtigkeit von Bewegung auf. Medizinisches Krafttraining kann auch im höheren und hohen Alter die sarkopenische Dynamik bis zu einem gewissen Grad umkehren und einen Zuwachs an Muskelvolumen und -kraft bringen.

 

Gefahr Fehlernährung

Bewegungsmangel ist also ein Mosaikstein auf dem Weg zur Sarkopenie. Ein zweiter ist Fehlernährung. „Sarkopenie kann man sogar als Teil einer Mangelernährung sehen, es fehlt da nicht nur, aber vor allem an Protein“, erwähnt Univ.-Prof. Dr. Erich Roth, bis vor Kurzem Leiter der Arbeitsgemeinschaft für klinische Ernährung und des chirurgischen Stoffwechsellabors am AKH Wien. „Unter den essenziellen Aminosäuren, die als Stimulus für den Muskelaufbau gelten, ist Leucin der stärkste.“ Davon aber brauchen ältere Menschen mehr als junge, da die Muskelproteinsynthese mit den Jahren automatisch abnimmt. Anders ausgedrückt: Ältere brauchen zur Bildung der gleichen Menge an Muskelproteinen eine höhere Eiweißzufuhr.

In zehn Deka getrockneter Erbsen etwa sind 25 Gramm Protein enthalten, davon 1,8 Gramm Leucin, in 10 dag Rindfleisch sind 21g Gesamtprotein, davon 1,7g Leucin, in 10 dkg Hühnerbrust 23g Protein, davon 1,7g Leucin, in 10 dkg Lachs 20g Protein, davon 1,6g Leucin. Die Ernährungsgesellschaften empfehlen eine Proteinzufuhr von 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag, neuere Studien ergaben allerdings, dass Ältere eine höhere Proteinzufuhr im Bereich von 1,2 Gramm benötigen. „Doch die meisten älteren Menschen nehmen mit der Nahrung viel zu wenig Protein und damit auch zu wenig Leucin auf“, weiß Roth.

Das neue Nahrungsergänzungsmittel FortiFit könnte hier helfend einspringen. Roth: „Es ist meines Wissens nach das erste Präparat am Markt, das diesen Mechanismus beachtet und das erste, das eigens zur Behandlung der Sarkopenie entwickelt wurde.“

Das Präparat enthält auch Vitamin D, das für den Muskel, seine Kraft und Funktion, so Roth und viele Kollegen, von sehr großer Bedeutung sei. Es sollten mindestens 400 internationale Einheiten (international Units = IU) täglich sein, bei Personen mit schweren Vitamin-D-Defiziten und Sarkopenie könnten 700 bis 1000 IU nötig sein.

 

Kraftwerke für Muskelzellen

Auch mit L-Carnitin, so Bittner, könne man die Muskelfunktion fördern. „L-Carnitin ist eine körpereigene Substanz, die den Energiestoffwechsel der Mitochondrien, also der Kraftwerke unserer Zellen, ankurbelt.“ Jede Muskelfaser unseres Körpers brauche schließlich viel Energie und die werde von den Mitochondrien zur Verfügung gestellt. „Daher sind sie für Muskelkraft und -funktion ganz essenziell.“

Das Problem dabei: „Die Mitochondrien haben ein völlig eigenständiges Genom und das sammelt im Laufe eines Lebens alle möglichen Mutationen an. Das führt dazu, dass die Mitochondrien und damit auch die Muskulatur nicht mehr so gut funktionieren“, schildert Bittner. Aber auch hier tragen wir unser Schärflein zu Quantität und Qualität der Mutationen bei. „Vor allem Rauchen vermehrt derlei Mitochondrien-Mutationen.“

 

Jeder hat es selbst in der Hand

Geschädigte Mitochondrien aber erzeugen toxische Sauerstoffradikale, die wiederum weitere Mitochondrien schädigen. Hier, so Bittner, könnte man unter anderem mit Antioxidanzien (wie sie etwa in Obst und Gemüse enthalten sind) helfend eingreifen und Sauerstoffradikale unschädlich machen oder zumindest deren negative Auswirkungen abschwächen.

„Wie man sieht“, so Bittner abschließend, „führen viele Wege zur Sarkopenie.“ Und daher gäbe es auch etliche Möglichkeiten, ihr vorzubeugen beziehungsweise ihr Fortschreiten zu verlangsamen. „Jeder, der nur lange genug lebt, wird von diesem Syndrom betroffen sein“, weiß der Experte. Allerdings könne man durch den Lebensstil das Ausmaß des Muskelschwundes bis zu einem gewissen Grad sehr wohl selbst beeinflussen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2011)