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Drei Tote bei Anschlag in Ankara

(c) EPA (ALPER ISMEN)

Noch ist nicht klar, wer für das Attentat im Zentrum der türkischen Hauptstadt Ankara verantwortlich ist, bei dem drei Menschen getötet wurden. Der Verdacht fällt auf die kurdische Untergrundorganisation PKK.

Istanbul. Eine Bombenexplosion erschütterte gestern am Vormittag das Zentrum der türkischen Hauptstadt Ankara. Nach Angaben des Innenministers Īdris Naim Şahin wurden dabei drei Menschen getötet und 15 weitere verletzt. Offenbar befand sich die Bombe in einem Kleinbus, der vor einem Amtsgebäude abgestellt wurde.

In der Nähe befinden sich mehrere Ministerien, darunter das Justiz- und das Verteidigungsministerium, sowie der Sitz des Generalstabes und das Parlament. Schon kurz nach der Explosion nahm die Polizei eine verdächtige Frau fest und später noch zwei weitere Personen. Auf einer Videoaufzeichnung, die den Abtransport der verdächtigen Frau zeigte, waren Bruchstücke von Parolen zu hören: „Unser Kampf gegen den Faschismus“ und die Worte „Pflicht“ und „Ehre“ waren zu verstehen, ehe die Beamten die Frau, die selbst nicht zu erkennen war, in einen Polizeiwagen schoben.

Nach der Explosion sperrte die Polizei die Gegend ab und suchte mit Spürhunden nach einer möglichen zweiten Bombe. Gleichzeitig wurde aufgrund eines Hinweises ein Zug gestoppt, der von Adana nach Istanbul fahren sollte. In einem Gepäckstück soll ein Plan zum Bau einer Bombe gefunden worden sein. Unklar war zunächst, wer die Bombe gelegt hat und ob ein Zusammenhang mit einer Bombendrohung besteht, wegen der am Montagabend eine Rede des türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül an der Humboldt-Universität in Berlin zunächst abgesagt wurde. Da Gül auf der Rede bestand und mit Abreise drohte, fand sie schließlich doch statt.

Da andere Gruppen in der Türkei zurzeit kaum aktiv sind, fällt der Verdacht für den Anschlag in Ankara vor allem auf die kurdische Untergrundorganisation PKK. Nachdem die PKK fast ein Jahr ruhig war, hat sie nach den Parlamentswahlen im Juni erneut mit einer Serie von Angriffen vor allem auf Militär und Polizei im Osten der Türkei begonnen.

Zu Terroranschlägen gegen türkische Zivilisten oder ausländische Touristen im Westen des Landes bekennt sich die PKK seit Jahren nicht mehr. Die Verantwortung übernimmt, wenn es überhaupt jemand tut, normalerweise die Gruppe „Freiheitsfalken Kurdistans“ (TAK). Es ist strittig, ob es sich dabei um eine echte Abspaltung oder um eine Unterabteilung der PKK handelt.

Etwas mehr über die Gründe für die neuerliche Konfrontation zwischen der PKK und dem Staat ist in letzter Zeit bekannt geworden. Anonym wurden Tonaufnahmen ins Internet gestellt, die während geheimer Verhandlungen in Oslo zwischen Vertretern der PKK, des türkischen Geheimdienstes und einem Sonderbeauftragten der türkischen Regierung stattgefunden haben. Anwesend war auch ein Vertreter eines anderen Staates, vermutlich ein norwegischer Diplomat, der moderierte.

 

Zunehmende Radikalisierung

Dass diese Aufnahmen nun wahrscheinlich von der PKK ins Netz gestellt wurden, spricht dafür, dass die kurdischen Rebellen nicht auf eine Wiederaufnahme der Gespräche in der nächsten Zeit hoffen. Daraus erklärt sich ihre zunehmende Radikalisierung in letzter Zeit, während Premier Recep Tayyip Erdoğan offenbar denkt, er könne das Problem militärisch lösen, insbesondere mit Luftangriffen auf PKK-Lager im Nordirak.

Bei diesen Angriffen wird die Türkei auch von US-Drohnen unterstützt, die bei der Aufklärung helfen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2011)