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Qualtinger, Meister der Verstellung

(c) ORF (Gabriela Brandenstein)
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André Heller hat einen liebevollen Film über den großen Kabarettisten, Autor und Schauspieler gemacht, der auch Klischees entgegenwirken soll.

Zum 25. Todestag von Helmut Qualtinger am 29. September stattet André Heller seinem Freund und Förderer reichlichen Dank ab; 90 Minuten Länge hat Hellers opulenter Film (eine Koproduktion von ORF und ZDF). Das ist um keine Minute zu viel. Aus neuen Interviews, viel Sekundärmaterial aus Archiven und ausgesuchten Originalbeiträgen entsteht ein facettenreiches Porträt des Schauspielers, Kabarettisten und Schriftstellers, der mit 57 Jahren an einer Leberzirrhose starb. Jede Fernsehstation habe er um Material angeschrieben, sagte Heller im Gespräch mit der „Presse“, er wollte verhindern, dass immer mehr Wissen über Qualtinger verschütt geht. „Es gibt ganz wenig Material über ihn persönlich und über das Künstlerische verwirrend vieles. All das zu sortieren, wird sich nach mir wohl niemand mehr antun. Ich bin einer der jüngsten, die ihn noch gut gekannt haben.“ Viele der Zeitzeugen seien inzwischen bereits gestorben.

 

Der böse Blockwart ist gemütlich

Das von Dor-Film produzierte Werk wird am kommenden Sonntag erstmals ausgestrahlt (am 25. September in ORF2 um 23.05 Uhr im „dok.film“, am 1. Oktober um 21.50 Uhr auf 3sat). Heller will damit auch Klischees entgegenwirken, die sich inzwischen festzusetzen drohen: „Qualtinger ist als Bild da, aber was für ein nuancenreiches Leben er gehabt hat, wissen viele nicht mehr. Er war ein Verwandlungstitan, die Einwohnerschaft einer ganzen Stadt, und er war auch ein liebevoller Ermutiger.“ Das Motiv für diese Arbeit: tiefe Zuneigung. „Es gibt im Leben Sachen, die man gefälligst zu tun hat“, sagt Heller. „Helmut hat mir als jungem Mann bei vielen Entscheidungen sehr geholfen und mir einige böse Verbrennungen erspart. Mein Film ist ein Versuch, eine schwierige und wundersame Biografie so zu erzählen, dass man sie glauben kann.“

In diesem Filmporträt werden die großen Erfolge gewürdigt – ein legendärer Sketch als Travnicek im Duett mit Gerhard Bronner, die Zeitungsente, mit der Qualtinger die Wiener Presse durch seinen Auftritt als angeblicher Eskimodichter Kobuk foppte, und auch ganz frühe Auftritte im Theater sowie in Filmen. Bei einigen davon habe er nur mitgespielt, um dadurch finanziell unabhängig zu werden, gesteht der Künstler ganz offen. Dadurch konnte er sich auch Großes leisten: Eine lange Passage aus dem berühmten Monolog „Der Herr Karl“ von 1961, mit dem Qualtinger den Durchbruch auch in Deutschland schaffte, lässt ahnen, wie sehr diese Bloßstellung eines böse-gemütlichen Blockwartes die Nation erregte – vor genau 50 Jahren. Er habe die Käseglocke über diesem Land hochgehoben, heißt es in einem Kommentar.

 

Wien, das ist ein Taschenfeitel

Frühe, bereits verstorbene Kollegen wie eben Bronner, der Schriftsteller Carl Merz und der Regisseur Michael Kehlmann, kommen zu Wort, auch Qualtingers erste Frau Leomare, aber die Nuancierung, die Heller verspricht, gelingt vor allem durch neue, sehr persönliche und ungewöhnliche Interviews: Die Schauspielerin Vera Borek spricht erstmals in großer Ausführlichkeit über ihren Mann, so wie Jugendfreundin Erni Mangold, die Qualtinger bei Kriegsende kennengelernt hat. Durch die liebevollen Erinnerungen dieser Frauen spürt man tatsächlich Genie und Tragik dieses großen Verwandlungskünstlers. Berührend sind auch die Beiträge von Qualtingers Sohn Christian Heimito. Man sieht ihn als jungen Buben, der sich in einem Fernsehbeitrag, neben dem mächtigen Vater stehend, mutig zu emanzipieren versucht, und in mehreren Sequenzen von heute als kommentierenden Zeitzeugen mittleren Alters, der noch immer ganz private Trauerarbeit leistet. Von tiefer Sympathie getragen sind auch die Erinnerungen Hellers. „Er war viele Jahre mein verlässlicher Freund, aber, wie ich glaube, allzu selten sein eigener“, sagt er. Wien, das ist ein Taschenfeitel. Man sieht und hört die beiden lustvoll böse Wienerlieder singen.

 

Ein Typ des erotischen Dicken

Kluge Beobachtungen des Schriftstellers Franz Schuh, der sich sogar zu einer Apologie der Erotik eines bestimmten Typs von Dicken hinreißen lässt, runden diesen Pflichttermin für Qualtinger-Fans ab, wie auch prägnante Sätze des Kabarettisten Josef Hader. Der ist selbst ein Großer dieser Kunst und ein Meister der Verstellung. Aber in diesem Fall hört man von ihm nur offene und ehrliche Bewunderung für Quasi, das Genie, das die Qual in seinem Namen trägt und bei dem sogar der siebte Zwerg zum kleinen Welttheater wird.

 

>>> Hellers "Qualtinger" in der ORF-TVthek

 

Zur Person

Helmut Qualtinger, geboren am 8. Oktober 1928, gestorben am 29. September 1986 in Wien, Autor, Schauspieler und Kabarettist, wurde 1961 international durch den Monolog „Der Herr Karl“ bekannt. In Wien war dieser große Künstler auch wegen seines Schabernacks berühmt und gefürchtet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2011)