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Konkurrenzkampf: Missgunst im Theater

Das "Schaufenster" hat Erni Mangold und Daniela Golpashin gefragt, wie Eifersucht, Neid und Konkurrenzkampf hinter der Bühne eigentlich gehandhabt werden.

Sie spielen beide in „Der böse Geist Lumpazivagabundus“. Welche Rolle spielt der Neid in Nestroys Stück?

Erni Mangold: Eine große Rolle. Im Stück haben alle zu Beginn viel Geld, aber einige verlieren es dann. Und das ist das A und O von Neid. Sobald einer weniger als der andere hat, geht es schon los: Wieso hat der mehr Geld als ich?
Wären Sie nicht neidisch, wenn Ihr Nachbar viel Geld gewinnt?

M: Ich hänge nicht am Geld. Vielleicht, weil es mir nicht schlecht geht. Ich bin aber auch nie daran gehängt und habe schon viel an Geld und Besitz verschenkt. Mein Vater hat auch immer zu mir gesagt: „Deine Gutmütigkeit ist leider Blödheit, Erni.“ Da kann man nichts machen: blöd geblieben.

Daniela Golpashin:
Mir wär es auch egal, wenn mein Nachbar Geld hätte. Geld allein macht nicht glücklich. Außerdem arbeite ich auch sehr gerne.

Es muss nicht Geld sein, man kann auch auf die Kollegen im Theater neidisch sein. Die Szene ist klein, die Konkurrenz groß.

M: Das habe ich zum Glück nie gehabt, weder im Alter noch in der Jugend. Ich fand immer – und das wirkt jetzt sicherlich überheblich –, dass ich Konkurrenz oder Neid nicht leben muss, weil ich mich als gewisse Persönlichkeit empfinde. Natürlich hat es Zeiten gegeben, in denen man mir gesagt hat: „Ui, die schaut aus wie du in jungen Jahren“, aber wahrscheinlich hat sie nicht so viel gekonnt wie ich.

G: Also ich war bis jetzt noch nie so neidisch, dass ich gesagt hätte: „Oh, ich möchte mit dir das Leben tauschen.“ Ich glaube nämlich, dass Rollen kommen, so wie sie für einen gedacht sind. Wenn etwas nicht kommt, dann hat das seinen Grund gehabt.

Aber ein bisschen Neid ist doch auch produktiv.

G: Ja klar, aber das ist dann kein Neid, sondern Ehrgeiz und Bewunderung. Wenn man sagt: „Oh, das gefällt mir, was die Kollegin da macht.“ Ich sehe das als Ansporn, aber nicht als Neid. Der ist bösartig.

M: Ich glaube nicht, dass Neid bösartig ist. Aber man gewinnt nichts dabei. Man blockiert sich selbst. Und das finde ich doof.

Sie wollen mir tatsächlich einreden, dass Sie nie neidisch sind?

M: Also irgendwo hat jeder Neid. Und ich habe ihn immer dann, wenn ich etwas absolut nicht kann. Ich hatte zum Beispiel immer Schwierigkeiten mit Sprache. Ich möchte am liebsten vier Sprachen sprechen, bin aber froh, wenn ich eine kann.

G: Und ich kann zwar viele Sprachen, möchte aber gern singen können. Ich hab Musical studiert, hätte aber gern eine wirklich schöne Opernstimme. Darum beneide ich viele Menschen.

Wie gehen Sie dann damit um, wenn eine Kollegin eine Rolle bekommt, die Sie gerne hätten?


M: Der Witz ist, dass es in der Zwischenzeit nicht mehr so viele alte Frauen am Theater gibt, also bin ich sehr gefragt. Und ich bin zum Glück noch recht gut beisammen, kann noch sehr gut springen und hüpfen. Das bewundern die Leute auch.

G: Bei mir kann man es schwer sagen: Ich bin ja die einzig Dunkelhaarige in meinem Alter im Ensemble der Josefstadt. Und sollte ich wirklich eine Rolle nicht bekommen, schieb ich’s auf die Haare: Ich sag mir dann immer: Ach, das war sicherlich für eine Blondine gedacht.

M: Naja, aber es gibt Perücken.

G: Das muss man sich doch einreden, Erni!

M: Ja, die Haarfarbe ist schon immer ein Thema im Theater. Ich bin zwar aschig, heißt, ich muss mir die Haare färben, aber dieses Blond hat mich immer in eine Rolle gedrängt. Ich war immer ein Sexbömbchen, also wurde auf Sex reduziert, und diese Geschichte hat mich schon sehr geärgert.

G: Das kannst du mit dunklen Haaren aber auch haben. Und gerade im Film ist es oft eine Typfrage, ob man eine Rolle bekommt oder nicht. Nur wenn du anfängst, so sein zu wollen, wie der Regisseur gerne hätte, kannst du dir gleich die Kugel geben.

Aber Äußerlichkeiten gehören nun einmal zu Ihrem Geschäft. Frau Mangold, wie merken Sie das im Alter?

M: Ich hatte nur einmal Schwierigkeiten mit meinem Alter, da war ich 30, und das war das erste und das letzte Mal. Damals habe ich ein Foto von mir gesehen und mir gedacht: „Ui, wieso hast du so viele Falten“. Also habe ich mir gesagt: „Erni, jetzt musst du dein Gesicht pflegen.“ Das habe ich von diesem Tag an gemacht. Seit 30 Jahren schminke ich mich aber nicht mehr. Auch nicht im Fernsehen. Da sind dann immer alle fertig, wenn sie das hören.

Ja, aber Schönheit spielt ja trotzdem im Theater eine Rolle.

M: Schon, aber wenn, dann ist eher die Kraft des Gesichtsausdrucks entscheidend. Wobei das früher natürlich anders war: Im Reinhardt-Seminar gab es oft Schwierigkeiten mit den Männern bei der Aufnahmeprüfung. Ein 17-jähriges Mädel, das figürlich noch nicht so entwickelt war, konntest du damals nicht so leicht aufnehmen. „Die kann man nicht ansehen“, hat es geheißen, das war wirklich schlimm. Und in gewisser Weise ist es sicherlich auch heute noch so.

Merken Sie das auch?


G: Ich hatte zumindest die letzten Jahre nie das Gefühl, dass es nach Schönheit gegangen wäre. Im Theater sind Frauen oft Charakter-Kapazunder. Genau dafür werden sie besetzt, das ist toll.

Statistiken belegen, dass sich immer mehr Menschen einer Schönheitsoperation unterziehen.


G: Oh ja, die sind auch im Theater total im Kommen. Aufgespritzte Lippen oder Botox sind ein wahrnehmbarer Trend. Ich finde das ganz schlimm. Und frage mich bis heute, wie man Schauspieler sein kann, wenn man seine Gesichtszüge nicht mehr verwenden kann. Mime kommt ja von Mimik und ohne Mimik bist du tot.

M: Nur, was ich halt auch nicht mag, ist, wenn sich Frauen körperlich verschlampen. Da kann das Gesicht noch so hübsch sein, mich interessiert deren Wappelfigur nicht. Auch nicht bei kleinen Kindern. Da habe ich einen ganz grausigen ästhetischen Wahn.

Na ja, Sie sind gertenschlank. Da lässt sich leicht reden.

M: Ja, aber ich mache wirklich viel für meine Figur. Ich trainiere zweimal die Woche jeweils eine Stunde. Echtes Krafttraining. Darum kann ich mich auch noch nackert ausziehen und muss mich nicht fürchten, dass jemand sagt: „Um Gottes willen!“

Wie sieht es überhaupt bei den männlichen Kollegen aus? Gibt es so etwas wie Neid unter Männern?


beide: Oh ja, den gibt es.

G: Der ist sogar ziemlich hart. Früher dachte ich, wir Frauen seien schlimm, aber diese Hengstbissigkeit ist viel, viel ärger.

M: Ja, es ist teilweise wirklich zum Lachen, weil sie wie Hähne aufeinander einhacken.

G: Die sind vor allem verbal sehr wild. Da geht es nicht nur ums Aussehen, wie das uns Frauen nachgesagt wird, sondern die liefern sich oft einen richtig zickigen Schlagabtausch.

Aber wieso sollte der Neid unter Männern größer sein?

M: Weil es um Macht geht. Egal, ob in der Politik oder Wirtschaft oder im Theater, bei denen geht es um Macht. Männer sind übrigens, was sehr merkwürdig ist, auch viel eitler. Allerdings habe ich das Gefühl, dass das mehr noch auf meine Generation zutrifft.

Wieso das denn?

M: Ich weiß es nicht. In der Josefstadt haben sie immer Familie gespielt. Ob das gestimmt hat? Ich glaub nicht. Ich habe mich damit nicht so auseinandergesetzt. In Hamburg damals, da zählten nur die Männer. Die waren zwar schon nett zueinander, aber jeder hat geschaut, dass er der Beste ist. Und jeder hat das Gefühl gebraucht, top zu sein. Wir Frauen brauchen solche Bestätigungen nicht.

Sondern?

M: Na ja, wir mögen es, wenn uns jemand Achtung entgegenbringt. Was bis heute nicht immer der Fall ist. Und das ist schon etwas, was mich neidisch macht. Dass wir noch immer schlechter bezahlt werden als die Männer. Egal, in welchem Job.

G: Oh ja, den Neid auf Männer, den kenn ich. Die haben schon die besseren Rollen im Theater. Da, wo die Mädchenrolle aufhört, fängt die Männerrolle oft erst an.
Es gibt ja wohl moderne Stücke.

M: Ach was. Es gibt kaum welche. Es müsste mehr geschrieben werden. Auch wenn der Turrini und der Franzobel sehr fleißig sind. Aber das Theater kommt mit vielen Dingen nicht hinterher.

Wäre denn das Theater ohne Neid überhaupt vorstellbar?

M:
Nein. Wir brauchen das. Und wir müssen lernen, damit umzugehen, dass einer Erfolg hat und der andere nicht. Sonst zerfrisst es uns.