Über Generationen hat die S-Klasse von Mercedes gezeigt, was nach oben hin möglich ist. Ein genügsamer Vierzylinder-Diesel weist nun in die entgegengesetzte Richtung. Das ist bemerkenswert.
Downsizing – das praktizieren derzeit alle, aber kaum jemand so radikal wie ausgerechnet Mercedes. Ein Vierzylinder-Diesel in der S-Klasse? Bei dieser Vorstellung hätte man in der Untertürkheimer Chefetage noch vor wenigen Jahren sehr herzlich gelacht.
Und doch ist es so gekommen, anders als bei BMW, wo man derlei für den 7er kategorisch ausschließt: „Unsere Kunden wollen das nicht“, will Entwicklungsvorstand Klaus Dräger wissen.
Ob man so viel Genügsamkeit von Mercedes denn will, das ist auch noch nicht ganz heraußen. Der S250 CDI muss zum Beispiel mit dem Handicap leben, nicht mit Allradantrieb 4Matic verfügbar zu sein – darauf pocht aber mehr als die Hälfte aller S-Klasse-Kunden im Land.
Kein Schleuderpreis
Die Vierzylinder-Premiere bedeutet auch nicht, dass es die S-Klasse jetzt zum Schleudertarif gäbe. Gerade 5600 Euro macht der kleine Diesel auf den V6 des 350 CDI (258 PS, 620 Nm) gut, in den Preisregionen der S-Klasse kaum der Rede wert.
Die Betriebskosten sind schon eher ein Argument, aber vornehmlich wohl für Mietwagenunternehmen. Airport-Shuttles sammeln fleißig Kilometer, und den Passagieren im Fond, die entspannt auf Raffinerie und Simmering blicken, dürfte es wurschter nicht sein, was da vorn unter der Motorhaube Dienst versieht. Vielleicht wollen auch ein paar Vorstände in der Dienstwagenfrage guten Willen zeigen und ein paar Generalkonsule grüne Gesinnung.
Wir empfanden die Verschmälerung im Motorraum jedenfalls als Bereicherung. Sie erweitert das Spektrum der besten aller Luxuslimousinen (die man auch mit 630 PS haben kann). Denn das ist der große Mercedes immer noch.
Und es ist ja kein wirklicher Schmalhans, der mit der ehrenvollen Aufgabe betreut wurde. Der 2,2 Liter große Commonrail-Diesel mobilisiert 204 PS und stampft 500 Newtonmeter Drehmoment in die Kurbelwelle, Letzteres ist doppelt so viel, als Sechszylinder in früheren Generationen zusammenbrachten. Der Motor entfacht eine schöne Drehmomentwelle, auf der es sich per Siebengang-Automatik geschmeidig surfen lässt. Eine staatstragende Limousine muss nicht abzischen wie ein Sportwagen und im Nu auf 200 sein, auch wenn wir derlei nicht grundsätzlich geringschätzen wollen – etwa im famosen S500.
Blick auf die Kosten
Die Verkehrsrealität und ein Blick auf die Kosten sprechen freilich für den vernünftigen Ansatz des 250 CDI. Der Hersteller weiß sowieso, wo man heute Renommee einfährt: bei der Effizienz, beim Verbrauch. Das schlussendlich Entscheidende ist, dass sich S-Klasse noch wie S-Klasse anfühlt.
Was bedeutet: Die Türe leicht anlegen, um sie von der dienstfertigen Servo-Schließe ins Schloss saugen zu lassen, den Kopf ins weiche Leder der Kopfstützen betten, und hernach die Welt da draußen betrachten wie Fische im Aquarium. Man mag den sportlichen Talenten des BMW-7er zugetan sein oder dem Hightech-Zauber des Audi A8, aber keiner der Konkurrenten hat ein ähnlich wohnliches Interieur vorzuweisen wie der Mercedes.
Das bisschen Diesel-Sound, das nie nach übermäßiger Anstrengung klingt, hält man gut aus. Wer die Ruhe auskosten will, die einem die Start-Stopp-Automatik an der Ampel verschafft, muss die Klimaanlage allerdings sparsam einsetzen. Das faszinierendste Instrument an Bord des 250CDI ist die Tankuhr, im Genaueren der Bordcomputer, der mit fabelhaften Werten erquickt.
Etwa der Reichweite: Mit einigermaßen vollem Tank (der mit 83 Liter ohne Reserve natürlich kein kleiner ist) stehen weit über 1000 Kilometer zu Buche, ein Versprechen, das auch eingelöst wird. Es geht schon rechnerisch nicht anders: Mit zuletzt hohem Stadtanteil schlossen wir die Testfahrten mit 7,8 Liter/100 km.
Maße: L/B/H: 5096/1871/1479 mm. Radstand 3035 mm. Leergewicht 1970 kg. Kofferraum 560 Liter.
Motor: Reihenvierzylinder-Turbodiesel, 2143 cm3. 150 kW (204 PS), 500 Nm bei 1600-1800 U/min.
Testverbrauch 7,8 l/100 km.
Siebengang-Autom., Heckantrieb.
Preis: ab 78.400 Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2011)