OMV-Chef Roiss verordnet einen radikalen Umbau. Tankstellen und Raffinerien im Wert von einer Mrd. Euro sollen verkauft werden. Gesetzt wird künftig auf die Erdgasförderung.
Istanbul. Ein halbes Jahr lang ließ der neue OMV-Chef Gerhard Roiss Investoren, Analysten und Journalisten darüber rätseln, wohin er Mitteleuropas größten Mineralölkonzern künftig steuern will. Vergangenen Mittwochabend versammelte er nun 200 von ihnen am Ufer des Bosporus, um sie von der überarbeiteten OMV-Strategie zu überzeugen. Der Kern des geplanten Umbaus: Das angeschlagene Geschäft mit Tankstellen und Raffinerien soll radikal zurechtgestutzt, die lukrative Suche nach Erdgas hingegen verstärkt werden.
Konkret will das Unternehmen bis 2014 eine Milliarde Euro durch den Verkauf von Raffinerien und Tankstellen einnehmen. Aus einigen Ländern könnte sich der Konzern komplett zurückziehen, kündigte Roiss an. Derzeit ist mehr als die Hälfte des OMV-Vermögens im betroffenen Bereich „Refining und Marketing“ gebunden. Bis 2021 soll dieser Anteil auf ein Viertel schrumpfen.
Problemfeld Raffinerien
Das Raffineriegeschäft ist seit Jahren stark unter Druck. Zuletzt sanken die Gewinnmargen auf 1,90 Dollar je Fass, das entspricht etwa dem Niveau der frühen 1990er-Jahre. „Europas Raffinerien schreiben Verluste“, sagt Roiss. Es gebe eine Überkapazität von 20 Prozent. Die drei aktiven OMV-Raffinerien (Schwechat, Burghausen in Bayern und Petrobrazi in Rumänien) seien von den Verkaufsplänen aber nicht betroffen. Ob das Unternehmen überlege, den 45-Prozent-Anteil an der Bayernoil abzugeben, wollte er nicht kommentieren. Interessenten gebe es jedenfalls für die veraltete rumänische Raffinerie Arpechim, die der Konzern erst vor wenigen Monaten stillgelegt hat.
Von den 4700 Tankstellen, die die OMV unter verschiedenen Marken in 13 europäischen Ländern betreibt, sollen hingegen mit Sicherheit etliche verschwinden: „Wir werden in einigen Ländern schauen, ob die Erträge reichen, um unser Engagement zu rechtfertigen.“ Von den Rückzugsplänen dezidiert ausgenommen sind Österreich, Deutschland, Rumänien und die Türkei. Unter die Lupe kommen damit Länder wie die Slowakei, Tschechien, Italien, Bulgarien, Serbien, Ungarn und Bosnien-Herzegowina. Aber auch die 400 heimischen OMV-Tankstellen sind vom Strategiewechsel betroffen. Denn das Unternehmen plant, das „Mittelklasse-Segment“ – das sind die hundert OMV-Tankstellen ohne VIVA-Shop – kräftig auszudünnen und durch Premium-Tankstellen oder billige Automatentankstellen der Marke Avanti zu ersetzen. An einen Verkauf des Kunststoffherstellers Borealis denkt die OMV nicht. Zusätzliche 700 Mio. Euro soll bis 2014 ein „Effizienzprogramm“ bringen.
Ausgeben will der Konzern sein Geld künftig vor allem für die Förderung von Öl und Gas. Zwei Drittel der Investitionen von 2,4 Mrd. Euro im Jahr sollen dafür sorgen, dass der Anteil von Exploration und Produktion am Vermögen von derzeit 35 auf 55 Prozent steigt. Dieser Bereich war schon bisher der Ertragsbringer. Im Vorjahr steuerte er 81 Prozent des operativen Gewinns bei. Heuer haben die Unruhen in Libyen die Produktion auf pro Tag 275.000 Fass Öläquivalente (Öl und in Öl umgerechnetes Gas) schrumpfen lassen. Bis 2016 soll dieser Wert jährlich um zwei, inklusive Zukäufen um vier Prozent steigen.
Hoffen auf „Nabucco“
Dafür soll einerseits die Produktionsleistung in reifen Märkten auf 200.000 Fass pro Tag stabilisiert werden. Dazu gehören Österreich und Rumänien, wo die OMV zwei Drittel ihrer Rohstoffe aus der Erde holt. Andererseits setzt Roiss aber vor allem auf Zukäufe im Gasbereich: „Europa fehlen 2020 rund 150 Mrd. Kubikmeter Gas.“ Gas, das die OMV gerne liefern würde.
Eine Schlüsselrolle im Konzept kommt dem Pipeline-Projekt „Nabucco“ zu. Doch derzeit steht das Konsortium unter OMV-Führung immer noch ohne Lieferzusagen da. Bis Ende Oktober sollen angeblich die staatliche aserbeidschanische Ölgesellschaft Socar und BP entscheiden, wer die Lizenzen für das Schah-Deniz-Feld bekommen soll.
Neben Nabucco rittern auch die Konkurrenten ITGI (Interconnect Turkey-Greece-Italy) und TAP (Trans-Adriatic Pipeline) um Kapazitäten aus dem Gasfeld. Die OMV will aber auch nach eigenem Gas in Aserbaidschan suchen. Erst im Mai unterschrieb sie mit Socar eine Absichtserklärung, die auch eine intensive Kooperation bei der Förderung beinhaltet. Auf einen Termin, wann die finale Investitionsentscheidung fallen soll, wollte sich Roiss nicht festlegen: „,Nabucco‘ wird kommen.“ Wann genau, sei nicht so wichtig.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2011)