Erben der Industriellenfamilie sprechen in einem Interview erstmals über ihre Familiengeschichte. Eine neue Studie belegt, dass ihr Großvater während des Dritten Reichs zehntausende Zwangsarbeiter ausbeutete.
Wien/Weber. Der Name Quandt ist untrennbar mit großen Namen der deutschen Industrie verbunden: BMW, Altana, Varta und Daimler. An diesen Unternehmen hielten oder halten die Mitglieder der Familie Anteile. Ihr Reichtum wird auf etwa 20 Mrd. Euro geschätzt.
Im Jahr 2007 zerstörte eine Fernsehdokumentation des Norddeutschen Rundfunks (NDR) das öffentliche Bild der Familie Quandt. Der Film zeigte erstmals einem größeren Publikum, in welchem Ausmaß sich die Quandts an den Verbrechen des Dritten Reichs beteiligt und die Judenverfolgung zu ihrem wirtschaftlichen Vorteil genutzt hatten.
Bis zu 50.000 Zwangsarbeiter soll der Patriarch Günther Quandt während des Zweiten Weltkriegs in seinen Fabriken, etwa der Batterienfabrik Afa, ausgebeutet haben. Bei den sogenannten „Arisierungen“ kamen zudem zahlreiche Unternehmen, die ehemals Juden gehörten, günstig in seinen Besitz.
Die Erben schwiegen eisern
Der Aufruhr in der Öffentlichkeit war groß, doch die Erben schwiegen. Auch für den Autor des Films („Das Schweigen der Quandts“) waren sie für keine Stellungnahme erreichbar. Mehrere Tage nach der Ausstrahlung des Films teilten sie mit, die Familiengeschichte von einem unabhängigen Historiker aufarbeiten lassen zu wollen.
Knapp drei Jahre später erschien nun am Donnerstag das Werk des Bonner Wissenschaftlers Joachim Scholtyseck unter dem Titel „Der Aufstieg der Quandts“. Mit drei Mitarbeitern wühlte er sich durch Archive in Deutschland, Polen und den USA, vor allem aber durch das Familienarchiv. Sein Befund: „Der Familienpatriarch war Teil des NS-Regimes.“
Sein Geschäftsmodell sei „untrennbar mit den Verbrechen der Nationalsozialisten verbunden“ gewesen. Auch sein Sohn Herbert soll demnach in die Beschäftigung von Zwangsarbeitern eingebunden gewesen sein.
In einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ haben sich nun der BMW-Großaktionär Stefan Quandt und seine Cousine, die Unternehmerin Gabriele Quandt, erstmals zu der Vergangenheit ihrer Familie geäußert. Darin werfen sie ihren Vätern Herbert und Harald sowie ihrem Großvater Günther „unmoralisches Verhalten“ vor.
„Es ist eine traurige Wahrheit, dass Menschen die Zwangsarbeit in Quandt'schen Unternehmen nicht überlebt haben“, sagt Stefan Quandt. „Dies bedaure ich in der Tat zutiefst.“ Seine Cousine stimmt ihm zu: „Natürlich fühlt man sich grauenvoll, wenn man das sieht und hört und es sich vorstellt. Man schämt sich.“
Wieso ihre Vorfahren so eisern über ihre eigene Vergangenheit geschwiegen haben? „Sie wollten es sich wohl hinterher erträglich gestalten“, sagt die Enkelin von Magda Quandt, der späteren Magda Goebbels.
Familie hilft bei Aufarbeitung
Die Frage, in welchem Ausmaß die Familie von der Nazi-Zeit profitiert hat, beantwortet die Studie von Scholtyseck nicht. „Das ist in der Tat unbefriedigend. Fest steht, dass Günther Quandt schon in der Weimarer Zeit eines der größten Firmenvermögen aufgebaut hat“, sagt Stefan Quandt. Während der Nazi-Zeit wurden das Firmenimperium und das Vermögen kontinuierlich erweitert.
Heute werden die Quandts hauptsächlich mit ihrer Beteiligung beim Autohersteller BMW in Verbindung gebracht. Johanna, Stefan und Susanne Klatten halten an dem Unternehmen zusammen 46 Prozent. Die Familie will weiterhin ihren nach Herbert Quandt benannten Medienpreis verleihen. Sie kündigten zudem an, das Dokumentationszentrum über NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide zu fördern.
Dort stehen noch zwei Baracken, in denen Zwangsarbeiter der Quandt-Firma Pertrix untergebracht waren. Eine der Baracken soll zu einem Jugendbegegnungszentrum umgebaut werden, die andere soll für Ausstellungen und Seminare zum Thema Zwangsarbeit genutzt werden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2011)