Junge Mädchen, die in ihrer Familie missbraucht oder vernachlässigt wurden, sollen durch eine Reittherapie Grenzen lernen, sich selbst spüren, an Selbstvertrauen gewinnen und ihre Selbstwahrnehmung stärken.
Wer Nina sieht, kann sich gar nicht vorstellen, dass das hübsche Mädchen schon mal ihre Sozialarbeiterin mit dem Messer bedroht hat. Die 15-Jährige wirkt so gar nicht wie eine Gewalttäterin. Und doch: Nina war ein Prügelmädchen. Schnell im Austeilen, rücksichtslos in der Auswahl ihrer Gegner, blind vor Wut und doch mehr Opfer als Täter.
Nina ist Bewohnerin der Sozialpädagogischen Mädchenwohngruppe der Schwestern vom Guten Hirten in Baumgartenberg (Oberösterreich). Sie hat dort ein neues Zuhause gefunden – gemeinsam mit vierzig anderen Mädchen. Sie sind hier, weil es das Jugendamt so wollte, weil die Eltern nicht mehr konnten oder weil die Kinder wegen Missbrauch oder Vernachlässigung ihre Familie verlassen mussten. Viele aber auch deshalb, weil sie selbst geschlagen haben. So wie Nina. Nur dass sie diese Phase mittlerweile mehr oder weniger überwunden hat. Das hat nicht nur mit der jahrelangen Gesprächstherapie zu tun, die sie – einmal in die Mühlen des Jugendamtes geraten – absolvieren musste, sondern liegt auch an mehreren großgewachsenen Vierbeinern, auf deren Rücken sie sich jetzt einmal pro Woche setzt: Pferde.
Reitstunden für Mädchen-WG. Hinter dem Projekt steht Jasmin Zimmer. Die stellvertretende Heimleiterin der Sozialpädagogischen Mädchenwohngruppe ist ausgebildete Reittherapeutin. Gemeinsam mit ihrem Mann Klaus und den drei Kindern betreibt sie nur wenige Kilometer von der Mädchen-WG einen Bauernhof. Dort hat sie zwei Therapiepferde ausgebildet, auf denen sie den Mädchen Reitstunden gibt.
Seit fast zwei Jahren kommen sie einmal pro Woche zur „Frau Jasmin“. Dann werden die Pferde gestriegelt, gesattelt, mit ihnen Bodenarbeit gemacht und manchmal auch geritten. „Das Hauptaugenmerk bei der Reittherapie liegt natürlich nicht auf der Reitkunst, sondern darauf, dass die Mädchen wieder zu einer gesunden Selbstwahrnehmung finden“, erklärt Zimmer das Konzept. Denn Mädchen wie Nina, die alle mit einer traumatischen Familiengeschichte aufwarten können, hätten vor allem eines vollkommen verloren: den Bezug zur Realität.
Das merken Zimmer und ihr Ehemann Klaus, der sie bei den Stunden unterstützt, meist schon, bevor die Kinder den Stall betreten. „Im Grunde gibt es zwei Typen“, erklärt Klaus Zimmer. „Diejenigen, die behaupten, schon jahrelang geritten zu sein, was in 90 Prozent der Fälle nicht stimmt, und diejenigen, die sich von vorneherein nichts zutrauen.“ Nach einer Stunde bei den Pferden seien die meisten wieder in der Realität angekommen, sagt Zimmer. „Die, die vorher glaubten, alles zu können, sind an ihre Grenzen gestoßen, und die, die geglaubt haben, gar nichts zu können, haben gesehen, dass doch immer etwas geht.“
Grenzen lernen, sich selbst spüren, Selbstvertrauen gewinnen, nennen die Zimmers das im Fachjargon. Nina sagt dazu „Spaß haben“ und meint, dass sie Probleme, die sie im Alltag plagen, einfach vergessen kann. Trotzdem hat es fast einen ganzen Monat gedauert, bis sie sich auf den Rücken ihres Lieblingspferds Billy gesetzt hat. Manche Kinder brauchen sogar ein halbes Jahr, erzählt Zimmer später. „Denn wer auf einem Pferd sitzt, der verliert buchstäblich den Boden unter den Füßen. Das machen nicht alle sofort mit.“
Wobei die Pferde in der Reittherapie in erster Linie ein Katalysator für die Stimmung der Mädchen sind. Ist ein Kind unaufmerksam, ist auch das Pferd unaufmerksam, ist ein Kind nervös, ist auch das Pferd nervös. „Ich frage die Mädchen dann, wieso sich die Pferde so aufführen und was man dagegen tun kann“, sagt Jasmin Zimmer.
Mit der Zeit hat Nina so reden gelernt. Über die Drogenabhängigkeit ihrer Familie, den goldenen Schuss ihres Bruders oder über die gnadenlose Aggression, die sie seither erstarren hat lassen – und sie irgendwann dazu getrieben hat, rücksichtslos Schlägereien anzufangen. „Wenn ich bei den Pferden bin, denke ich einfach nicht so viel nach“, sagt auch Ninas Freundin Sonja, 15 Jahre alt. Um mit ihrer Missbrauchs-geschichte fertigzuwerden, hat sie sich über mehrere Jahre täglich in den Arm geritzt. Mittlerweile hat sie damit aufgehört, auch ihre „Instrumente“ der Heimleitung abgeliefert. „Denn wer reiten gehen will, der darf keine Wunden haben. Infektionsgefahr. Basta“, sagt Zimmer resolut. Und die Mädchen gehorchen.
Gewaltprävention fördern. Auch weil sie sich schon jetzt auf den Wanderritt freuen – ein neues Projekt, das Zimmer bei der EU eingereicht hat und bewilligt bekam. 16 Mädchen aus Deutschland und Österreich und vier Betreuer werden sechs Tage lang durch das Mühlviertel reiten. Die Hälfte der Mädchen hat keinen Missbrauchshintergrund und stammt aus dem ansässigen Reitverein. „Wir möchten mit dem Ritt die Gewaltprävention und den interkulturellen Austausch fördern“, sagt Zimmer. Die Mädchen sollen lernen, auf unvorhergesehene Situationen richtig zu reagieren. Und sich in großen Gruppen zurechtzufinden.
„Ich lass‘ das einfach auf mich zukommen“, sagt die 14-jährige Vanessa, die für den Ritt extra eine Woche schulfrei bekommen hat. Viel weiß sie nicht über die Vorgeschichte ihrer Reitkolleginnen. Sie hat sich nur vorgenommen, „immer ganz ruhig zu bleiben, wenn irgendjemand aggressiv wird“.
Denn Konflikte, sagt Jasmin Zimmer, seien bei so einem Wanderritt vorprogrammiert. „Wenn das Wetter schlecht ist, wenn etwas nicht wie geplant läuft, werden diese Kinder oft schnell aus der Bahn geworfen.“ Von Gemaule bis zu kollektiver Verweigerung kann alles passieren. Aber irgendwann, meint Zimmer, hat sich noch jedes Mädchen wieder auf das Pferd gesetzt.
Pferde stärken – Reiten statt Streiten. Ein neues EU-Projekt ermöglicht traumatisierten Mädchen einen mehrtägigen Wanderritt mit geschulten Reiterinnen. Dabei sollen sie lernen, sich gegenseitig zu unterstützen. Initiatorin Jasmin Zimmer bittet dafür noch um Spenden: http://www.respekt.net/projekte-unterstuetzen/details/projek t/269