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Werner Kieser: "Der Rücken ist ein Riesenmarkt"

(c) Teresa Zötl
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Mit 17 Jahren wollte Werner Kieser Boxweltmeister werden. Statt dessen entdeckte er die heilende Kraft der Kraft und wurde mit seinen Trainingsstudios zum Guru der bewegungsarmen Mittelklasse. Ein Interview.

Die meisten Leute, die zu Ihnen kommen, haben Schwierigkeiten mit dem Rücken. Was sind die Hauptgründe?

Werner Kieser: Die Rückbildung der Rückenmuskulatur. Erstens sind wir dort von der Evolution her ein bisschen schwach. Der aufrechte Gang bekommt uns noch nicht so richtig. Das Zweite ist, dass wir im Alltag diese Muskeln nicht mehr adäquat belasten. Die Wirbelsäule ist ja als Brücke konzipiert, nicht als Säule. Die Rückbildung beginnt mit 25, ab da geht's nur noch bergab mit uns. Die Evolution hat kein Interesse daran, dass wir älter werden. Der Rücken ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs, die Gelenke werden alle schadhaft.

Ihre Philosophie ist, dass Kraft der Schlüssel zur Gesundheit ist. Sind wir Schwächlinge?

Das stimmt. Die durchschnittliche Kraft der Bevölkerung ist zweifellos gesunken. Früher war aber auch nicht alles gut. Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Die Bauern waren stark, aber mit 40 meistens hinüber. Heute haben wir ein Problem mit Schwäche, aber auch mit Dysbalancen – selbst wenn Sie Sport treiben, trainieren Sie nur bestimmte Muskeln und andere weniger oder gar nicht. Wenn eine Stelle im Bewegungsapparat schwach wird, verändert sich die ganze Statik. Die Kraft muss im Verhältnis zum Körpergewicht stehen. Umso stärker man ist, umso leichter trägt man an seinem Körper. Leider gehen wir derzeit in die verkehrte Richtung: Wir werden schwerer, aber schwächer.

 

Bewegung reicht nicht?

Gehen oder Radfahren fördert den Kreislauf. Das kann man in den Alltag einbauen, dafür braucht man kein Studio. Wir wollen den Bewegungsapparat nicht nur warten, sondern auch aufbauen. Dafür braucht man gezielten und richtig dosierten Widerstand. Das geht nicht ohne Maschinen. An die schwachen Muskeln kommt man ohne Technologie nämlich nicht heran. Die Maschine verhindert, dass Sie die falschen Muskeln einsetzen.

Das psychische Element bei Rückenschmerzen tritt immer mehr in den Vordergrund. Sehen Sie das auch so?

Die Psychologen-Lobby ist sehr stark. Wenn Sie psychische Probleme haben, sind Sie ein gebrochener Mensch und nicht sehr aktiv. Und dadurch haben Sie oft schwache Rückenmuskeln. Wenn man trainiert, verändert sich auch das psychische Befinden, weil der Hormonhaushalt beeinflusst wird. Sie gehen mürbe rein und kommen optimistisch raus. Letzten Endes hat alles eine stoffliche Ursache. Die Trennung von Geist und Körper ist ein Unsinn.

Orthopäden und Physiotherapeuten klagen, dass es sehr schwer ist, Patienten dazu zu bringen, etwas zu tun und dabei zu bleiben.

Die Leistung von Patienten besteht darin, dass sie sich nicht nur verarzten lassen. Spritze oder Pille ist eigentlich vorbei. Ruhe und Schonung ist ja auch bei den Alten das Problem. Die haben diese Wägelchen, und jeder will das neueste Modell. Dann werden sie immer schwächer. Die Rollatoren werden bezahlt, Training nicht. Das ist galoppierender Irrsinn.

Ihre Methode wird ja nicht nur unkritisch gesehen. Es gibt zum Beispiel keine Aufwärmphase.

Wenn man unmittelbar vor oder nach dem Krafttraining Ausdauertraining macht, hat ersteres keinen Effekt mehr. Das hat hormonelle Gründe. Außerdem ist die Sportwissenschaft nur eine Vermutungswissenschaft. Und wenn einer tradierte Dinge hinterfragt, ist er ein Ketzer. Mittlerweile hat uns die Wissenschaft aber bei vielen Fragen eingeholt.

Sie mischen aber doch ganz gern auf. Sie haben ja auch erklärt, neun von zehn Rückenoperationen seien unnötig.

Ich provoziere gerne, weil sonst überhaupt nichts passiert. Die Studie bezog sich auf 388 Patienten mit OP-Indikationen. Nach dem Training mit Therapiemaschinen mussten nur noch 44 unters Messer. In Deutschland zum Beispiel wird noch immer viel operiert – obwohl sich das gebessert hat.

Werner Kieser
wurde 1940 in Zürich geboren.

Mit 17
zog er sich beim Boxen eine Rippenfellquetschung zu. Während des Heilungsprozesses entdeckte er das Krafttraining.

1967
gründete Kieser sein erstes Trainingsstudio.

300.000 Menschen
trainieren mittlerweile in seinen spartanisch eingerichteten Hallen, in denen es weder Musik noch Sauna noch Saftbar gibt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2011)

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