Warum mittelfristig orientierte Anleger die Börse jetzt am besten meiden und Gold nur vorübergehend schwächelt.
Genau genommen würde für diese Kolumne heute ein Satz reichen: Wenn Sie Swingtrading und Spekulation auf fallende Kurse nicht beherrschen und mit mittel- bis langfristigem Horizont anlegen, dann vergessen Sie die Börse jetzt ganz einfach! Sie verlieren da nur Geld. Die wichtigen Indizes haben relativ steile Abwärtstrend-Kanäle ausgebildet, in denen sie mit irrer Volatilität nach unten zucken.
Ausbrüche aus diesen Trendkanälen sind vorerst einmal eher nach unten wahrscheinlich. Der deutsche Dax ist beispielsweise so ein Kandidat: Der hat zum Wochenschluss kurz an der 5000er-Linie gekratzt. Und wenn er die in den nächsten Tagen einigermaßen sauber durchbricht, dann ist der Weg in den kommenden Wochen wohl sehr tief in die 4000er-Zone hinein frei. Auch wenn es zwischendurch, wie in der vorigen Woche, zu kurzfristigen Erholungsschüben um mehrere hundert Indexpunkte kommen kann.
Die kann man mit Derivaten (etwa Optionsscheinen oder CFDs) sehr schön „ausreiten“, für klassische, ungehebelte „Long“-Spekulationen mit Aktien sind die Schübe aber zu kurz.
Um zu sehen, dass das nicht übertrieben (und „Buy and Hold“ von gestern) ist, muss man nur den Chart des Flaggschiffs aller Value Investoren, die Aktie von Berkshire Hathaway A(ISIN US0846701086) ansehen: Die ist am Freitag unter 100.000 Dollar gefallen und hat somit seit dem Frühsommer 30 Prozent verloren.
Gravierenderes zeigt aber der Blick auf den Langzeitchart: Seit vier Jahren liegt die Performance der Buffett-Aktie ganz klar unter der des Dow Jones Index. Mit anderen Worten: Der Ruhm von Warren Buffet als Star-Investor stammt aus einer anderen Zeit, in der unruhiger gewordenen Börsenwelt lassen sich mit solchen Strategien keine Blumentöpfe mehr gewinnen.
Wir walzen das hier deshalb so breit aus, weil offenbar auch einige Analysten noch in Kategorien denken, die an der Börse überholt sind. Gegen Ende der Vorwoche sind aus Deutschland etwa Kaufempfehlungen für Deutsche Bank(ISIN DE0005140008) und Commerzbank(ISIN DE0008032004) gekommen, mit dem Ziel der Kursverdoppelung. Begründung: Die Aktien seien so stark gefallen, dass sie jetzt extrem „billig“ seien.
Sorry, aber das ist Quatsch. Wenn die grassierende Bankenkrise vorbei ist, werden die Aktien der übrig gebliebenen Institute zwar mit Sicherheit Kandidaten für kursmäßige Raketenstarts sein. Aber derzeit sind alle Finanzwerte Short-Kandidaten, von denen „normale“ Anleger dringend die Finger lassen sollten. So etwas jetzt zum Kauf zu empfehlen ist reichlich fahrlässig.
Was in der Vorwoche extrem aufgefallen ist: Die Automatik „Aktien fallen – Goldpreis steigt“ ist außer Kraft: Gold ist mit den Börsen in die Tiefe gesaust, am Freitag ist der Preis für die Feinunze sogar unter 1700 Dollar gefallen. Schwer zu sagen, wie weit da manipulative Interventionen mitspielen und wie weit das nur eine normale Anleger-Reaktion im Zuge des allgemeinen Asset-Sommerschlussverkaufs der vergangenen Tage war. Fakt ist jedenfalls, dass wir den stärksten Goldpreis-Einbruch der vergangenen drei Jahre gesehen haben.
Unerwartet kommt das Ganze aber nicht: Der Goldpreis ist im Sommer viel zu stark gestiegen, der Markt war zum Schluss extrem überkauft und hat alle Merkmale von Blasenbildung aufgewiesen. Da war eine gesunde Korrektur überfällig. Die kann durchaus noch ein wenig nach unten gehen.
Goldanleger sollte das aber nicht nervös machen: Der grundsätzliche Aufwärtsdruck ist weiterhin da – und er wird von der Art, wie die USA und die EU an die Lösung der Schulden- und Bankenkrise herangehen, nicht eben gemildert.
Die wahrscheinliche Variante ist also, dass der Goldpreis in nächster Zeit in einem Preisband zwischen 1700 und 1900 Dollar pro Feinunze oszilliert, bevor er krisenbedingt zum nächsten Aufschwung ansetzt.
Nicht so optimistisch präsentiert sich die Lage beim Silber, dessen Notierungen wirklich massiv unter die Räder gekommen sind. Bei diesem Edelmetall, das im vergangenen Jahr Gold eindeutig „outperformed“ hatte, hat offenbar ein Umdenken eingesetzt. Die „sicherer-Hafen“-Funktion des Goldes scheinen ihm Anleger jedenfalls nicht zuzubilligen. Als physisches Investment ist Silber wegen der Mehrwertsteuerpflicht für Privatanleger ohnehin reichlich unattraktiv.
josef.urschitz@diepresse.com
diepresse.com/money
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2011)