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Statt Politikverdrossenheit: Piraten!

(c) REUTERS (TOBIAS SCHWARZ)
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In der deutschen Hauptstadt Berlin, wo die Piratenpartei knapp neun Prozent der Stimmen erreicht hat, scheint sie genau den Nerv jener Wähler getroffen zu haben, die mit den etablierten Parteien unzufrieden sind.

„Diese Toilette wird aus politischen Gründen videoüberwacht. Gegen den Überwachungswahn!“, „Für mehr Transparenz und Mitbestimmung in unserer Politik“, „Netze in Nutzerhand“, „Wahlrecht unabhängig von Alter und Herkunft“. Mit Aufklebern und Forderungen wie diesen hat die Piratenpartei den Wahlkampf in Berlin aufgemischt. Ihr Ergebnis von knapp neun Prozent hat Beobachter überrascht und beschert den Piraten erstmals den Einzug in einen deutschen Landtag. Gerade in Berlin hat die 2006 gegründete Partei auch bei der Bundestagswahl 2009 über drei Prozent erreicht.

Politologen rätseln nun, ob es sich bei dem eindrucksvollen Ergebnis in der deutschen Hauptstadt um den Erfolg einer „Eintagsfliege“ handelt oder ob die Piraten in den kommenden Jahrzehnten einen Aufstieg wie die Grünen schaffen könnten. Die Großstadt Berlin, eher links ausgerichtet, war sicher das ideale Milieu für die Piraten – deren typischer Wähler ist jung, männlich, gebildet und selbstständig. Durch ihre lebendige, unkonventionelle Kampagne konnten die Piraten aber nicht nur der SPD, der Linkspartei und vor allem den Grünen Stimmen abjagen und Nichtwähler mobilisieren; sie überzeugten auch ältere Menschen, quer durch alle Berufsgruppen.

„Lass dich nicht veräppeln: Statt Politikverdrossenheit Piraten wählen!“ Mit diesem Slogan scheint die Partei genau den Nerv der Wähler getroffen zu haben, die sich von der Politik der etablierten Parteien betrogen fühlen und, gerade in Berlin, zwischen deren Programmen kaum Unterschiede sehen.

Ihrem Ruf, eine Chaotentruppe zu sein, setzten die Piraten den Versuch entgegen, mit genau diesen Märchen aufzuräumen. So listen sie etwa in ihrem „Kaperbrief“, der Piratenzeitung zu Berlin, die diversen Klischees auf, um diese umgehend zu entkräften: „Piraten sind doch unreife Nerds, die nur hinter dem Computer sitzen!“ – falsch! „Fast alle Berufssparten sind bei uns vertreten... Und dass wir nicht hinter dem Computer vorkommen, kann man dann wirklich behaupten: Kaum eine andere Partei ist so aktiv...“

D-Piraten

2006
in Deutschland gegründet, in Anlehnung an die schwedische Piratenpartei.

2009
Landesverbände in allen Bundesländern, 2,0 Prozent bei der Bundestagswahl.

2011
8,9 Prozent bei der Landtagswahl in Berlin, Einzug in den ersten deutschen Landtag.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2011)