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Burgtheater: Wiener Schnitzler mit grauer Soße

Burgtheater Wiener Schnitzler grauer
das weite land(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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Alvis Hermanis macht einen Ego-Trip in "Das weite Land". Die Regie verspricht "Suspense" wie im dunkelsten Hollywood, doch produziert werden vier Stunden gnadenloser Langeweile in Schwarz-Weiß.

Die Musik, die bei der Premiere von Arthur Schnitzlers „Das weite Land“ am Samstag im Burgtheater einsetzt, während der erste Akt beginnt, hört bis zum bitteren Ende nach gut vier Stunden nicht mehr auf. Das Sound-Design (Raimund Hornich, Florian Pilz) erzeugt Ohrwürmer aus dem Genre des Film noir und anderer Melodramen, die sich zum Tinnitus entwickeln. Denn Regisseur Alvis Hermanis hatte diesmal eine Idee, die er leider gnadenlos ausschlachtet: Dieser Schnitzler lebte doch in jener Welt von gestern, der auch europäische Immigranten angehörten, die vor Hitler nach Hollywood flüchteten. Also ist es logisch, dass man auf der Bühne bis aufs Platinblond der Damen nur Grautöne zulässt wie in einem alten Schwarz-Weiß-Film.

Begleitet wird das Drama von einer Melange aus Melodien von Klassikern wie Psycho oder Vertigo, die Jalousien, vor denen sich vor fast jedem Auftritt bedrohliche Schatten abzeichnen, passen auch dazu. Dazwischen gibt es ein paar versöhnliche Hits von Nat King Cole und Videoclips – Bogart, Bacall und sogar Der dritte Mann. Auch eine graue Liege muss her; Doktor Mauer (Falk Rockstroh) wirkt wie ein grauer Imitator Sigmund Freuds, schließlich wird jeder jeden therapieren und hypnotisieren.

 

Lauschen und Lauern vor dem Salon

Ehebruch, Duell und Wiener Dekadenz als Thriller, eine Huldigung an den Glamour des frühen, vollendeten Films, der ein Gesamtkunstwerk von Musik, Licht und Schatten und richtigen Stars war – das muss auch im Biotop des glanzvollen Burgtheaters funktionieren, mit Charaktergemmen wie jener von Hermann Scheidleder als schlafend-wacher Portier Rosenstock oder Kirsten Dene als geschäftig-lauernde Frau Wahl. Das muss doch abheben, wo Hermanis eine so prächtige Drehbühne konstruiert hat, bei der oft mehrere Räume zugleich sichtbar sind, in denen sich die Gesellschaft durch riesige Fenster wechselseitig belauert und manchmal auch ein Zimmermädchen neben dem schicken alten Fernsprechgerät lauscht. Das hat was, oder?

Leider nein. Auch Hermanis kann irren. Es bleibt nur bei einer Idee, die nicht tragfähig ist für Schnitzlers Paradestück. Sie entwickelt sich nicht. Der Abend hat nicht hypnotische, sondern einschläfernde Wirkung. Ein Genie des angemessenen Tempos wie Alfred Hitchcock verstand es, scheinbar stufenlos in einem neunzigminütigen Film Spannung aufzubauen. Doch vier Stunden musikalischen „Suspense“ zu versprechen und dann die Erwartung nicht einzulösen, dürfte der grausame Einfall sich selbst überschätzenden Epigonentums sein.

Talente wie auch reife Stars des Burgtheaters werden dazu verdammt, bloße Karikaturen zu spielen. Nichts bleibt in der Schwebe, wie das der Text suggeriert, sondern ist irre Übertreibung. Aus einer fein abgestimmten Tragikomödie wird in voller Absicht billige Farce. Dörte Lyssewski muss als betrogene, zum Ehebruch getriebene Genia Hofreiter schmachten, sich brünstig im Bett wälzen, aufs Äußerste gekünstelt spielen, Katharina Lorenz als Konkurrentin Erna Wahl und Stefanie Dvorak als Ex-Geliebte müssen aufreizend posieren, als wirkten sie in einem Hinterhof-Schmuddelfilm mit.

Den Schauspielern, die ihre Gangsterhüte selbst im Salon oder beim Billard (statt Tennis) zuweilen nicht ablegen, geht es ein bisschen besser, sie bleiben zumeist in der Zwischenstufe grau, außer, wenn sie eben alle fünf Minuten Schattenmonster spielen. Aber insgesamt wird „Das weite Land“ zum Comic herabgestuft. Wäre man Schnitzler, man müsste posthum Hermanis zum Duell fordern wie einen dummen Gustl, so wie das der betrogene Friedrich Hofreiter mit dem armen Otto Aigner (Lucas Gregorowicz) macht: „Man will doch nicht der Hopf sein.“ Peter Simonischek spielt diesen betrogenen Betrüger, den Fabrikanten Hofreiter mit seiner Glühlampenfirma, die damals Hightech war, lustvoll antagonistisch zum Gesamteindruck. So wie Corinna Kirchhoff als Meinhold-Aigner sticht er als Schnitzler-Figur heraus aus dieser verstaubten Hollywood-Imitation, die auch dadurch nicht besser wird, dass sie manchmal der Kunst eine Rätselhaftigkeit abverlangt, als hätte Fritz Lang im Exil zu viel Adorno gelesen.

Was bedeutet es, wenn sich acht platinblonde Damen, die wortlos durchs Hotel in den Dolomiten gegeistert sind, schließlich zu einem Gebirge auftürmen, das von einem kleinwüchsigen Gast mit der großen Geste eines Eroberers bestiegen wird? Hat sich in dieser Inszenierung ein Zwerg auf die Schultern von Riesen verirrt und weiß jetzt in lichter Höhe nicht mehr, wie er herunterkommt? Möglich wär's schon, denn man ahnt bereits: Es gibt schönere Stunden als die dort oben auf der Bühne des Burgtheaters.

Auf einen Blick

Alvis Hermanis (* 27. April 1965 in Riga) ist ein bedeutender lettischer Theaterregisseur und zudem Autor, Schauspieler und Intendant des Neuen Theaters Riga.

„Das weite Land“ wurde am 14. Oktober 1911 gleichzeitig an neun deutschsprachigen Theatern uraufgeführt, darunter auch am damaligen Hofburgtheater. Arthur Schnitzler erreichte damit die Höhe seines Ruhms.

Nächste Termine im Burgtheater: 7., 21., 25. Oktober um 19 Uhr, 26. Oktober um 18 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2011)