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Religion: Benedikt XVI. für Dialog mit Islam

Benedikt fuer Dialog Islam
Papst(c) AP (Andrew Medichini)
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Vier Tage hat der Papst in seiner Heimat Deutschland verbracht. Die Bilanz der Staatsvisite: Kein Dialog mit innerkirchlichen Reformern, dafür positive Worte in Richtung der islamischen Minderheit.

Freiburg/Wien. Ganze vier Tage hat Papst Benedikt XVI. in seiner Heimat Deutschland verbracht – eine für einen Staatsbesuch doch ungewöhnlich lange Dauer. „Ich komme freudig nach Deutschland“, ließ Benedikt im Vorfeld wissen – doch diese Freude wurde in seiner Heimat doch nicht so umfassend erwidert, wie es sich der 84-Jährige wohl erwartet hätte. Vor allem die Tatsache, dass Benedikt – in seiner Funktion als Vatikans Staatsoberhaupt – eine Rede vor dem Bundestag in Berlin hielt, sorgte für Erregung.

Doch genau diese Erregung, die in Talkshows, auf Kabarettbühnen und auf den Titelseiten vieler Zeitungen und Magazine artikuliert wurde, machte deutlich, dass die päpstliche Visite alles andere war als ein Non-Event. Trotz der Tatsache, dass in Deutschland die Zahl der deklariert gläubigen Christen (wie auch anderswo in Europa) schrumpft, war der Besuch ein bedeutsames Ereignis, an das viele Erwartungen geknüpft waren. Denn die deutsche Kirche steckt in einer Sinnkrise – und hat obendrein mit dem toxischen Fallout diverser Missbrauchsskandale zu kämpfen. Die Funktion, in der Benedikt die katholische Kirche sieht – nämlich die eines „Sauerteiges in der Gesellschaft“ – kann die krisengeschüttelte Institution immer schlechter erfüllen.

 

Treffen mit Missbrauchsopfern

Der Papst blieb jedenfalls nicht untätig. Am Freitag sprach Benedikt im Priesterseminar der Diözese Erfurt mit zwei Frauen und drei Männern, die von Priestern oder in katholischen Heimen missbraucht worden waren. Das Treffen fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, doch das Oberhaupt der katholischen Kirche soll dabei seine Scham über die Vorfälle artikuliert haben. Diejenigen, die auf eine öffentliche Stellungnahme Benedikts – oder gar Worte der Entschuldigung – gehofft hatten, wurden allerdings enttäuscht. Das Treffen mit den Opfern der sexuellen Übergriffe war auch nicht Teil des offiziellen Besuchsprogramms.

Die Impulse, die der Papst hinsichtlich der innerkirchlichen Reformbewegungen in Deutschland setzte, waren jedenfalls indirekter Natur. Die Erneuerung der Kirche könne nur durch einen erneuerten Glauben und durch Demut kommen, sagte Benedikt am Sonntag in seiner Predigt in Freiburg. Zugleich mahnte der Papst eine weiterhin „treue“ Verbundenheit mit Rom ein – und kritisierte „kirchliche Routiniers“ und den „Überhang an Strukturen gegenüber dem Geist“ in der Kirche. Was die Ökumene anbelangt, bezeichnete Benedikt die Forderungen nach einer schnelleren Annäherung von katholischer und protestantischer Kirche als „politisches Missverständnis“.

 

Islam ist „Merkmal Deutschlands“

Enttäuscht wurden auf der anderen Seite aber auch jene Zeitgenossen, die den Papst in den „Kampf der Zivilisationen“ zwischen Morgen- und Abendland involvieren wollten. Gegenüber der islamischen Minderheit fand Benedikt nämlich ungewöhnlich klare Worte: Die Anwesenheit muslimischer Familien in Deutschland sei inzwischen zu einem „Merkmal dieses Landes“ geworden. Christen und Muslime müssten beständig daran arbeiten, „sich besser zu verstehen“.

Gegenüber seiner Visite vor fünf Jahren ist das jedenfalls ein Quantensprung: 2006 hatte Benedikt Empörung in muslimischen Kreisen ausgelöst, als er einen byzantinischen Kaiser mit den Worten zitierte, der Islam sei eine intolerante und gewalttätige Religion.

Auf einen Blick

Auf besonders positives Echo stieß der päpstliche Besuch in der islamischen Community. Laut Benedikt XVI. sei die Anwesenheit muslimischer Familien in Deutschland inzwischen zu einem „Merkmal dieses Landes“ geworden. Christen und Muslime müssten „beständig daran arbeiten, sich besser zu verstehen“. Die Muslime in Deutschland hätten sich aber bei ihrer Religionsausübung an den Werten des Grundgesetzes zu orientieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2011)