Wien, du Residenzstadt der Wegelagerer

(c) FABRY Clemens
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Der Umgang mit Falschparkern und Schwarzfahrern lässt eine devote Charakterverformung erahnen.

In der Wiener Innenstadt, an der Ecke Tuchlauben/Graben, kann man derzeit vormittags ein interessantes Ritual beobachten. Zu viert rücken dort Polizisten aus, um all jene Handwerker wegen des Befahrens der Fußgängerzone abzustrafen, die ebenda ihre Lieferwagen abgestellt haben, weil sie Fenster, Türen, Schlösser und sonstiges auf die Baustelle an der Erste-Bank-Zentrale zu schaffen haben. „Schleppen'S die Trümmer halt zu Fuß durch die City!“, scheint die Devise von Gustav Ans, Zwa, Drei und Via zu lauten.

Natürlich könnten jene Polizisten, die da dem fraglos wichtigsten Aspekt der Straßenverkehrsordnung zur Geltung verhelfen, auch ihren Kollegen dabei helfen, Einbrecher zu schnappen oder den Heckenschützen ausfindig zu machen. Und natürlich könnte man daran erinnern, dass die Gehälter besagter Polizisten von den Steuern genau jener Unternehmer bezahlt werden, die sie da mit Strafmandaten papierln.

Bedeutsamer ist aber die Frage, wieso wir Wiener die allgegenwärtige Wegelagerei so widerstandslos akzeptieren. Denken Sie nur an den Umgang mit dem Problem des Schwarzfahrens: Weltstädte wie Paris, London oder New York unterbinden das mittels Zugangssperren. In Wien lehnt man das mit fadenscheinigen Behauptungen ab, beglückwünscht sich dafür aber mit jährlichen Erfolgsstatistiken beim Aufgreifen von Schwarzfahrern (was vor den Augen der anderen Fahrgäste geschieht und ziemlich entwürdigend ist).

Vielleicht liegt diese devote Duldungsstarre am jahrhundertealten Erbe als kaiserliche Residenzstadt. Das würde zumindest die an ein Gottesgnadentum längst vergangener Tage erinnernde Selbstdarstellung derer erklären, welche die mannigfaltig uniformierten städtischen Wegelagerer befehligen.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2011)

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