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Literatur: Die Ärzteschrift des Arthur Schnitzler

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Der Wiener Klassiker erhält eine historisch-kritische Ausgabe. Herausgeberin Fliedl erläutert das Großprojekt, das mit „Lieutenant Gustl“ beginnt, und verrät, was den anhaltenden Reiz des Autors ausmacht.

Arthur Schnitzlers große Dramen boomen zur Zeit auf deutschsprachigen Bühnen. Allein 2011 wird „Das weite Land“ in der Josefstadt, im Münchner Residenztheater und am Burgtheater gespielt. Dort wird derzeit auch „Professor Bernhardi“ gegeben. Und in Reichenau kümmerte man sich in diesem Sommer liebevoll um das „Fräulein Else“. Schnitzler bleibt ein Zuseher-Magnet. Warum aber hat es so lange gedauert, bis eine kritische Ausgabe seiner Werke in Angriff genommen wurde?

Konstanze Fliedl, Ordinaria für Germanistik an der Wiener Universität, begründet das so: „Die Nachlass-Situation ist unübersichtlich. Nach Schnitzlers Tod 1931 wurde sein Arbeitszimmer in ein Gartenzimmer seiner Villa verbracht. 1938 erhielt ein Dissertant aus Cambridge, Eric A. Blackall, Zugang. Als die deutsche Wehrmacht im März in Österreich einmarschierte, organisierte er, dass 250 Kisten Nachlass nach England verschifft wurden. Schnitzlers Sohn Heinrich vermachte Cambridge aus Dankbarkeit die Manuskripte. Der Privatnachlass kam nach dem Krieg zurück nach Wien, aus ihm entstand die große Tagebuch-Edition.“ Diese Dokumente befinden sich nun im Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

 

Musik statt Mystik, Athlet statt Ästhet

Die Situation ist komplex. Dazu kommt, das Schnitzlers Ärzteschrift nur schwer zu entziffern ist. Aber auch diese Hürde wurde überwunden. Am Donnerstag wird in Wien der erste Band einer historisch-kritischen Ausgabe vorgestellt. Fliedl ist Herausgeberin des Pilot-Bandes, den sie allein erarbeitet hat: „Lieutenant Gustl“ (so die ursprüngliche Schreibung). Wie hat sie das Problem mit der Handschrift gelöst? „Schnitzler hat in der Regel mit Bleistift auf gelbliches Papier geschrieben. Mit der Zeit wurde das immer schwerer lesbar. Man braucht drei Monate, um sich darin einzulesen.“ Bereits als Studentin hat Fliedl am Tagebuch-Projekt mitgearbeitet, das von 1981 bis 2000 durchgeführt wurde. „Da wurden wir noch von einer Freundin Heinrich Schnitzlers eingelesen. Sie konnte die Schrift am besten entziffern.“

Solche Arbeit ist zeitaufwendig, fünf Experten bearbeiten derzeit in einem Projekt des österreichischen Forschungsförderungsfonds das Frühwerk. Von den Folgebänden ist „Anatol“ bereits in Druck, dann kommen „Sterben“, „Liebelei“, „Frau Berta Garlan“ und Erzählungen der 1890er-Jahre: „Bis zum 150 . Geburtstag Schnitzlers am 15. Mai 2012 sollen mindestens drei Bände erscheinen.“

Die Textlage war bisher für die Philologen tatsächlich unbefriedigend. Fliedl: „Die Ausgaben bei Fischer sind nicht zuverlässig, aber seit die Werke 2001 gemeinfrei wurden, werden die Nachdrucke dennoch nach diesen Büchern gemacht. Da gibt es enorm viele Fehler, es wird Musik statt Mystik geschrieben, Athlet statt Ästhet. Man hat offenbar die Frakturschrift der Erstausgaben nicht richtig entziffert.“ Kritische Ausgaben müssen größtmögliche Textsicherheit leisten. Auch die Handschriften werden deshalb in Faksimile präsentiert. Sie sind meist noch eigenständige Fassungen, die vom Druck abweichen: „Der Lieutenant Gustl zum Beispiel ist in den Handschriften noch deutlicher frauenfeindlich und antisemitisch als im Druck. Schnitzler hat scharfe sozialkritische Signale abgemildert. Das ist ein interessanter entstehungsgeschichtlicher Aspekt.“

Beim ersten Band ist das Material zur Genese noch recht schmal, doch für spätere Bände wird es äußerst umfangreich – für die Forschung ist gerade der Prozess des Schreibens interessant: „Man kann stilistische Veränderungen genau verfolgen. Für den Leser üblicher Ausgaben bleibt dieser Prozess verborgen. Diese Aufarbeitung mag pitzelig erscheinen, aber wenn man einmal damit angefangen hat, kann man gar nicht wieder aufhören“, schwärmt Fliedl, „man erhält eine ganz andere Vorstellung von einem Werk – es wirkt nicht mehr abgeschlossen und unveränderbar.“ Hat es Schnitzler mit dieser Ausgabe geschafft, endgültig zu den ganz Großen der Literatur zu zählen? „Er ist immer schon vorne weg ein österreichischer Klassiker gewesen, aber im Unterschied zu Hofmannsthal, seinem wichtigsten Zeitgenossen, ist die kritische Ausgabe relativ spät in Angriff genommen worden. Das war auch eine Finanzierungsfrage. Mehrere Wissenschaftler sind Jahre mit solch einem Projekt beschäftigt.“

Was aber macht für Fliedl Schnitzlers Reiz aus, in „Das weite Land“ zum Beispiel? „Das Stück ist luzid und genau komponiert, zeigt Gefühlsambivalenz auf. Mit Raffinesse erschafft Schnitzler eine Figur des geschäftlichen wie auch erotischen Imperialismus. Friedrich Hofreiter muss neue Märkte und auch die Frauen erobern. Für ihn kann es nur Sieger und Verlierer geben. Zugleich ist dieser Mann jedoch eine tragische Figur, die in ihrem Kampfgehabe alles verliert. Das hat Aktualität. Schnitzler polarisiert. Den Moralisten hat dieses Stück nie gefallen. Aber es ist psychologisch völlig plausibel.“

Buchpräsentation

Am 29. September wird der erste Band der historisch-kritischen Ausgabe der Werke von Arthur Schnitzler vorgestellt: Österreichische Gesellschaft für Literatur, Herrengasse 5, 1010 Wien, 19 Uhr. Es liest der Autor Franz Schuh.

„Lieutenant Gustl“ erscheint im Verlag de Gruyter. Leinenausgabe, 299 Euro. ISBN 978-3-11-022757-4. Auch als eBook erhältlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2011)