L'Aquila: Beben für Seismologen

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Symbolbild(c) REUTERS (MAX ROSSI)
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In Italien stehen Wissenschaftler vor Gericht, weil sie vor drohender Naturkatastrophe falsche Beruhigung verbreitet haben sollen. 2009 starben durch ein Erdbeben in L'Aquila 309 Menschen, 1500 wurden verletzt.

"Nach dem ersten Beben in dieser Nacht verließen die alten Leute ihre Häuser und blieben die ganze Nacht im Freien“, erinnert sich Vincenzo Vittorini, 48-jähriger Chirurg in der Abruzzen-Metropole L'Aquila, „aber die Jüngeren, die sich auf Internet, TV und die Wissenschaft verließen, blieben drin.“ Das erste Beben hatte eine mittlere Stärke, Magnitude 3,9, es ereignete sich am 5. April, Palmsonntag 2009, um elf Uhr abends. Um 3.22 Uhr kam ein vielfach härterer Schlag – Magnitude 6,3, mit jedem Zehntel hinter dem Komma verdoppelt sich die Stärke eines Bebens –, 309 Menschen starben, unter ihnen Vittorinis Frau und Töchter, 1500 waren verletzt, 20.000 Häuser lagen in Trümmern, 65.000 Menschen hatten kein Dach mehr über dem Kopf, das historische Zentrum ist heute noch verbotene Zone.
Seit letzter Woche wird darüber vor Gericht verhandelt, gegen die führenden Seismologen Italiens und den stellvertretenden Chef des Zivilschutzministeriums, und es geht dabei nicht nur um die Toten von L'Aquila. Sondern generell darum, ob bzw. wie präzise die Wissenschaft Katastrophen vorhersehen kann – Vulkanausbrüche, Tsunamis, vielleicht auch einmal Folgen der globalen Erwärmung –, und wie sie ihr Wissen der Öffentlichkeit zukommen lässt. Im Fall von L'Aquila traf sich die italienische Erdbebenkommission am 31. März in Aquila, das war ungewöhnlich, sonst tagt sie in Rom, auch die Anwesenheit von Lokalpolitikern war nicht normal. Aber das war auch die seismische Situation nicht: L'Aquila war schon zweimal böse erschüttert worden, 1461 und 1703 – trotzdem standen noch Gebäude aus dem Mittelalter –, und im Oktober 2008 begann eine Serie schwacher Beben („seismischer Schwarm“): Im Januar 2009 waren es 69, im Februar 78, im März 100, und 75 in den ersten fünf Tagen des April.

Maulkorb für Warner

Aber nicht nur sie verbreiteten Unruhe: Giampaolo Guiliani, ein Techniker im nahegelegenen Gran-Sasso-Labor, hatte zur privaten Bebenvorhersage vier Radon-Detektoren in der Region installiert, er war überzeugt, ein stark wechselnder Austritt des Gases aus der Erde künde Übles an. Am 29. 3. schwankten die Werte bedrohlich, Guiliani alarmierte die Öffentlichkeit. Aber er hatte früher schon zweimal Fehlalarm geschlagen, deshalb erteilten ihm die Zivilschutzbehörde einen Maulkorb, das war am 30., später an diesem Tag kam ein Beben der Magnitude 4,1. Das führte zur Expertensitzung am 31. und einer anschließenden Pressekonferenz des Bürgermeisters und des Mannes vom Zivilschutz, Bernardo de Bernardinis, mit zwei der Seismologen: Die Situation sei „normal“ und biete „keine Gefahr“, versicherte Bernardinis, im Gegenteil: Die Forscher hätten ihm versichert, der „seismische Schwarm“ sei ein Segen, er entlade die Energie im Untergrund.
Das stimmte nicht, die Seismologen stellten es klar, aber erst viel später – da hatten sie auch bemerkt, dass die ganze Veranstaltung „der Kalmierung der Bevölkerung“ diente –, in der Pressekonferenz widersprachen sie nicht. So gingen die Menschen beruhigt zu Bett. Später zählten sie ihre Toten, und noch später zogen manche in Zivilverfahren vor Gericht (Schmerzensgeld: 22,5 Millionen Dollar), und ein Staatsanwalt erhob Anklage wegen Totschlags (Höchststrafe: 15 Jahre). Das brachte ein weltweites Beben in die Seismologie bzw. die Wissenschaft überhaupt, 5000 italienische Forscher protestierten in einem offenen Brief an den Staatspräsidenten, aus den USA eilte die American Geophysical Union den Kollegen zur Seite, auch die AAAS – das ist die weltgrößte Forschervereinigung – verurteilte die Anklage als „unfair und naiv“: Erdbeben könnten nicht vorhergesagt werden.
Das ist so – aber das bezweifeln auch die Kläger nicht. „Ich bin doch nicht verrückt, ich weiß, dass man Beben nicht vorhersagen kann“, erklärte einer von ihnen gegenüber Nature (477, S. 264): „Aber sie hätten sich die Stadt anschauen sollen – die Bausubstanz –. und das Risiko im Fall eines Bebens abschätzen sollen.“ Diese Meinung teilt John Mutter, Seismologe der Columbia University, der sich weigerte, den Protestbrief der Geophysical Union zu unterzeichnen: „Sie sollten nicht ins Gefängnis, aber bestraft werden sollten sie schon, weil sie etwas anderes hätten sagen sollen als ,Macht euch keine Sorgen‘. Sie hätten die Leute lieber daran erinnern sollen, wie sie sich bei einem Beben am besten schützen.“

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