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Lehrervertreter: „Schüler sind Egomanen“

Rund fünf Prozent der Schüler stören massiv den Unterricht in den Schulen. Der Lehrergewerkschafter Paul Kimberger fordert nun deshalb mehr Erziehungsmaßnahmen für Lehrer und mehr Konsequenzen für die Schüler.

Wien. „Wir haben es hier mit lauter Egomanen zu tun, die nicht sozialisiert sind.“ Es sind harte Worte, die Paul Kimberger für heimische Schüler findet. Der Bundeschef der Pflichtschullehrergewerkschaft will sich zwar vom Fall des oberösterreichischen Volksschülers, der die Republik wegen der Übergriffe eines Schuldirektors in Linz klagt (siehe unten), distanzieren.

Dennoch nimmt er ihn zum Anlass, um über fehlende Erziehungsmaßnahmen gegenüber Schülern zu klagen. In den letzten zehn bis 15 Jahren hat er beobachtet, dass die Regeln des Zusammenlebens immer stärker von Schülern missachtet werden.

„Quantitativ hat sich wahrscheinlich wenig geändert. Früher wurde auch gerauft. Aber die Qualität ist eine andere. Kinder sind heute anders, haben mehr Selbstbewusstsein und bringen viele Voraussetzungen, die es für die Schule braucht, einfach nicht mehr mit“, sagt Kimberger zur „Presse“.

Er sieht dadurch die Grundregeln des Miteinanders gefährdet und fordert deshalb strengere Erziehungsmittel, „immerhin verlangt die Gesellschaft auch von uns Lehrern, dass wir immer mehr Erziehungsmaßnahmen übernehmen.“ Der Großteil der Schüler sei laut Kimberger zwar vorbildhaft. Rund fünf Prozent aber stören durch ihr Verhalten massiv den Unterricht. „Ich sehe nicht ein, warum andere Kinder darunter leiden sollen.“ Derzeit können Lehrer verhaltensauffällige Schüler lediglich tadeln und zurechtweisen. „In Extremfällen, wenn Gefahr in Verzug ist, kann man den Schüler suspendieren. Das ist aber kein wirksames Mittel.“

Kimberger fordert deshalb vonseiten der Politik ein Bündel an Maßnahmen. So will er etwa Schüler, die den Unterricht stören, aus der Klasse nehmen, um sie vorübergehend in einer „Time-out-Klasse“ unterzubringen. „Als eine Art Abkühlphase, betreut von Spezialisten.“ Weiters möchte der Gewerkschafter, dass Vandalismus Konsequenzen zur Folge hat. „Ich sehe nicht ein, warum man das nicht wiedergutmachen soll, etwa finanziell oder durch soziale Dienste.“ Die Wiedereinführung einer Verhaltensnote kann er sich ebenso vorstellen wie die direkte Einbeziehung von Eltern – bis hin zur Verwaltungsstrafe. Auch für diese solle es Konsequenzen geben, wenn gewisse Erziehungsaufgaben nicht wahrgenommen werden.

Im Unterrichtsministerium stößt Kimberger allerdings auf taube Ohren. Dort verweist man lediglich auf Verhaltensvereinbarungen. „Das passiert aber freiwillig und funktioniert deshalb nur dort, wo man die Vereinbarung ohnehin nicht braucht.“

 

Werteverlust

Gründe für diese Entwicklung hat Kimberger gleich mehrere ausgemacht. Eltern seien oft überfordert und auch selbst nicht immer die besten Vorbilder. „Das ist ein gesellschaftspolitisches Problem. Moral, Ethik und Werte gehen verloren. Stattdessen wird das Individuum immer wichtiger“, so Kimberger. Während sich Eltern früher als Anwälte der Lehrer verstanden haben – „am Elternsprechtag lautete die Standardfrage ,Ist er eh brav‘“ – stehen die Eltern heute aufseiten der Schüler.

Das sieht Christine Mann, Schulamtschefin der Erzdiözese Wien, ähnlich. „Das Bild vom Kind als Partner führt oft zu Überforderung, auf beiden Seiten“, sagt sie zur „Presse“. Auch sie hat in den letzten zehn Jahren beobachtet, dass viele „Selbstverständlichkeiten verloren gegangen sind“. Sie sieht das Verhalten mancher Schüler als „Folge des Konzeptes der antiautoritären Erziehung“. Man fordert deshalb von der Gesellschaft eine „Kultur der Sorgsamkeit und Langsamkeit“ und vonseiten der Politik Ethikunterricht für jene, die von Religion abgemeldet sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2011)