Mitterlehner: „Nabucco ist nicht entscheidend für Europa“

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Das von der OMV geführte Nabucco-Konsortium dürfte Aktionärszuwachs aus Westeuropa bekommen. Doch dem Pipeline-Projekt fehlen weiter Lieferzusagen. Wirtschaftsminister Mitterlehner stellt die Rute ins Fenster.

Fuschl. Eigentlich sollte Europas Prestigeprojekt, die Nabucco-Pipeline, ja längst in Bau sein. Doch bis heute weiß niemand, wer die 3900 Kilometer lange Gaspipeline letztlich füllen soll. Solange das so ist, schieben die Konsortialpartner unter Führung der OMV die Investitionsentscheidung vor sich her. Auf eine Einigung Ende 2011 oder zumindest 2012 will sich OMV-Chef Gerhard Roiss längst nicht mehr festnageln lassen: „Wichtig ist nicht wann, sondern dass die Nabucco gebaut wird.“

Das sieht mittlerweile selbst mancher Befürworter offenbar anders: „Nabucco ist nicht entscheidend für Europa“, sagte Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) am Donnerstag auf einer Verbund-Energiekonferenz in Fuschl. „Wenn Nabucco nicht in den nächsten Monaten flottgemacht werden kann, glaube ich nicht, dass weitere Verhandlungen noch Sinn haben.“ So lautstark zweifelte bisher kein österreichischer Regierungspolitiker am Projekt, mit dem sich die EU zumindest ein Stück weit aus der Umklammerung des Hauptgaslieferanten Russland lösen will. Ein Viertel der Gasimporte in die EU kommt heute aus Russland.

„Die Verzögerungen sollen nicht ewig dauern“, stellte Mitterlehner der OMV die Rute ins Fenster. Die Entscheidung müsse letztlich aber das Konsortium treffen. Und da könnte künftig neben OMV, RWE, MOL, Botas, Bulgarian Energy Holding und Transgaz noch ein weiteres Energieunternehmen ein Wörtchen mitreden wollen. Die Verhandlungen mit einem neuen Partner „aus Westeuropa“ seien de facto abgeschlossen, deutete Mitterlehner an. Gerüchten zufolge soll schon heute der Einstieg der französischen EdF oder aber eines deutschen oder italienischen Versorgers bekannt gegeben werden. Die OMV war zu keiner Stellungnahme bereit. Die Nabucco-Gesellschaft ließ ausrichten, man sei „offen für weitere Shareholder, wenn sie dem Projekt Zusatznutzen bringen“.

Entscheidend voranbringen dürfte der neue Partner das Projekt jedoch nicht. Denn Nabucco mangelt es nicht an Abnehmern und Investoren, sondern an fixen Lieferzusagen im Wettrennen um kaspisches Gas. Eine Vorentscheidung wird wohl bis Jahresende fallen. Dann nämlich will Aserbaidschan entschieden haben, wer die verbliebenen neun Mrd. Kubikmeter Gas pro Jahr vom Gasfeld Shah Deniz II nach Europa bringen darf. Am morgigen Samstag beginnt der Bieterwettbewerb. Neben der OMV rittern die kleineren Konkurrenzprojekte Trans Adriatic Pipeline TAP und der Italy Turkey Greece Interconnector (ITGI) um Lizenzen für das aserische Gasfeld.

Russlandexperte Gerhard Mangott zweifelt im Gespräch mit der „Presse“ daran, dass Nabucco zum Zug kommen wird. Überlegt würden auch andere Varianten für den Gastransport von Zentralasien nach Europa – etwa Flüssiggas, das mittels Tanker vom Schwarzen Meer übers Mittelmeer nach Europa transportiert werden könnte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2011)

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