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Proteste gegen Sarrazin in Graz

(c) AP (Franka Bruns)
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Auf Einladung des ÖVP-Bauernbundes referierte der streitbare Autor Thilo Sarrazin in der steirischen Hauptstadt, und warnte erneut vor einer „unkontrollierten Zuwanderung“.

Graz. Die Inszenierung ist seit Erscheinen seines Buches bekannt: Thilo Sarrazin kommt – Proteste starten. So auch in Graz, wo der streitbare Autor des Bestsellers „Deutschland schafft sich ab“ am Donnerstag einen Vortrag über „Demografie und die europäische Zukunft“ hielt. Eine überschaubare Gruppe von rund 40 Demonstranten formierte ein pfeifendes, trommelndes und skandierendes Empfangsspalier für die knapp 700 Besucher in der Grazer Seifenfabrik. Sarrazin selbst sieht Proteste allerorten mittlerweile „mit einer gewissen Heiterkeit“, da sich eine Mehrheit der Kritiker ohnehin nicht inhaltlich mit der Problematik auseinandergesetzt hätte: „Aber dass jeder seinen Unsinn verbreiten kann, gehört eben zu den demokratischen Rechten.“

Er habe in den vergangenen Monaten zahlreiche Einladungen für Vorträge, etwa im Rahmen des Wiener Wahlkampfs oder nach Kärnten, abgelehnt, verriet der deutsche Erfolgsautor (1,4 Millionen verkaufte Exemplare). Nach Graz kam er über den Umweg Wien, wo er am Tag davor im geschlossenen Rahmen eines Rotary-Clubs referierte, dann aber doch. Auf Initiative des „Forums Land“, einem Thinktank des ÖVP-Bauernbunds.
Warum sich gerade eine Bauernorganisation dem Thema Migration annehme und sich nicht um landwirtschaftliche Probleme kümmere, mussten sich die Organisatoren im Vorfeld kritische Zwischenrufe gefallen lassen. „Man kommt um dieses Thema nicht herum, muss darüber reden, Bewusstsein schaffen und diskutieren dürfen“, begründete „Forum Land“-Obmann Fritz Grillitsch.
Landwirtschaftskammer-Präsident Gerhard Wlodkowski konterte mit eher kuriosen Argumenten auf die Kritik der Grünen, einen Rassismus verbreitenden Demagogen wie Sarrazin einzuladen: „Wir sind ja auch auf Ausländer angewiesen: Wir brauchen Erntehelfer, die da sind oder sich hier ansiedeln.“ Da könne „eine Diskussion nicht schaden“.

Chinesen, Inder statt „Minderqualifizierte“?


In dieser Diskussion brachte Sarrazin die bekannten Thesen. Mit Querverweisen auf Österreich, weil man hier vor ähnlichen Problemen, Risken und Herausforderungen stehe. Zum Beispiel: Europa (und Österreich) habe deshalb ein Problem mit der Zuwanderung, weil die Migranten vorwiegend aus Ländern mit islamischem Glaubenshintergrund kommen. Diese Länder würden in der PISA-Studie schlechter abschneiden als Indien oder China. „Weil der Islam eher Frömmigkeit als Wissen belohnt und dort eher eine mindere Bildungsleistung dominiert“, glaubt Sarrazin. Sein Schluss: „Wir brauchen Zuwanderer, die besser sind als wir, und daher sollten mehr Chinesen und Inder bei uns studieren und auch da bleiben.“ Die Zuwanderung von „Minderqualifizierten“ sei abzulehnen.

Zur aktuellen Finanzkrise hat er einen ähnlich kritischen Zugang. Die Verantwortung müsse bei den Einzelstaaten bleiben, keiner dürfe dem anderen helfen. „Das bringt Fehlanreize und Instabilität.“ Das Zügeln einzelner Staaten habe schon in Deutschland und seinen Bundesländern nicht funktioniert. „Dass das auf europäischer Ebene funktionieren muss, ist ein Gedanke, der in seinem Wirklichkeitsanspruch schon wieder komisch ist.“

In die Politik zurück zieht es Sarrazin nicht. Mit „Was wäre wenn“-Theorien kokettierte der SPD-Mann dennoch. „Wenn ich bei der Wahl in Berlin mit einer eigenen Liste angetreten wäre, hätte ich 18 bis 20 Prozent erreicht.“ Ernsthaft erwogen habe er das aber nicht. Sein Verhältnis zur SPD bleibt – trotz von der Partei im April abgesagten Ausschlussverfahrens – zwiespältig. „Das Verhalten der Partei war selbstschädigend.“ Man habe eine Chance auf Profilierung verpasst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2011)