Schalansky: Die Launen der Natur und der Liebe

Judith Schalansky Launen Natur
Judith Schalansky Launen Natur(c) Suhrkamp
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Die Biologielehrerin Lohmark hat stets auf die Darwin'schen Gesetze vertraut. Bis sie den Großmeister im Geiste betrügt – mit einer Schülerin: Judith Schalanskys "Bildungsroman".

Die Giraffen hätten in der afrikanischen Savanne nicht überlebt, hätten sie nicht über viele Generationen hinweg einen langen Hals entwickelt. Durch mühevolles Strecken. Nur so konnten sie an die Blätter hoch oben in den Bäumen kommen. Strecken als Form der Arterhaltung.

Im Ökosystem ist alles erklärbar, hat alles seine logische Ordnung: Ein Tier kämpft gegen das andere, der Mensch gegen seinen Artgenossen. Der Starke setzt sich gegen den Schwachen durch. Ist man nicht stark oder groß genug, wird man Opfer. Fressen oder gefressen werden. „Die wichtigsten Formen des Zusammenlebens sind Konkurrenz und Räuber-Beute-Beziehung.“ Worte wie diese bläut die Biologielehrerin Inge Lohmark ihren Schülern schon zu Semesterbeginn ein.

Judith Schalansky hat in ihrem Roman „Der Hals der Giraffe“, mit „Bildungsroman“ untertitelt, eine Lehrerin der alten Schule kreiert. Lohmark unterrichtet an einem Gymnasium in Mecklenburg-Vorpommern und hält nichts von moderner Pädagogik wie Gruppenarbeiten oder dem Einsatz Neuer Medien. Seit Jahrzehnten hält sie Monologe, kritzelt für ihre Schüler verwirrende Schemata an die Tafel und betrachtet unangekündigte Überprüfungsarbeiten als Instrument einer Pädagogik der Arterhaltung: „Das übliche Seufzen und Winseln und die unvermeidlichen Hundeblicke, als sie das Aufgabenblatt verteilte.“

Alles Naturgesetz. Doch die vermeintlich nach Naturgesetzen funktionierende Welt der Lehrerin ist im Untergang begriffen, Lohmark weiß es nur noch nicht. Der jungen Autorin Schalansky, 1980 in Greifswald geboren, genügen drei Tage aus dem Leben der alternden Pädagogin, um diesen Verfallsprozess glaubhaft, eindringlich und nicht ohne Komik darzustellen.

Im Lehrkörper herrscht Endzeitstimmung. Die Schule soll in vier Jahren zugesperrt werden, eine Sparmaßnahme. In der Region werden zu wenig Kinder gezeugt. Das Gymnasium, das den Namen Charles Darwins trägt, droht selbst zu einem Opfer der „Auslese“ zu werden. Die Volkshochschule für die Senioren benötigt dringend mehr Platz. Und nicht nur das: Schüler aus der Klasse der Lehrerin werden drangsaliert, sie, die an das Überleben des Stärkeren glaubt, bemerkt es nicht, will es nicht bemerken. Ihre Tochter Claudia hat schon vor langer Zeit vor der Mutter Reißaus genommen, sie lebt in den Vereinigten Staaten und hat mit ihren 35 Jahren den idealen Zeitpunkt für die Fortpflanzung schon verpasst; mit ihrem Ehemann Wolfgang, seit der Wende ein Straußenzüchter, verbindet die Lehrerin nicht viel, man vegetiert nebeneinander her – nach der erfolgreichen Zeugung eines Kindes muss das doch reichen.

Doch da stellt die Lehrerin mit wachsendem Erschrecken fest, dass sie beginnt, für ihre Schülerin Erika Interesse zu entwickeln, und mehr noch, Anziehung. Schließlich muss Lohmark einsehen, dass nichts mehr, am allerwenigsten sie selbst, noch seinen natürlichen Lauf geht.

Exakt wie ein Biologiebuch ist Schalanskys Sprache, die die Gedankenwelt dieser aus der Zeit gefallenen Pädagogin plausibel wiedergibt. Jeder Satz sitzt, punktgenau, und dennoch ist da so viel Raum für feine Ironie und Situationskomik. Am Schluss funktioniert nichts mehr – weder Naturgesetz noch hehrer Bildungsanspruch, und Lohmarks Gott Darwin ist entthront.

Detailgenaue Tierabbildungen. Das Äußere des Buches – seinen groben Leineneinband, der es wie ein antiquiertes Lehrbuch wirken lässt, die detailgenauen Tierabbildungen, die Typografie – hat ebenfalls die Autorin zu verantworten.

Schalansky studierte Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Buchgestaltung in Potsdam. Dass sie großes gestalterisches Talent hat, hat sie schon in ihrem letzten Buch, dem „Atlas der abgelegenen Inseln“ (Mare Verlag, 2009), bewiesen. Mit dem Band gewann sie im vergangenen Jahr den ersten Preis der Stiftung Buchkunst. Der „Atlas“ ist ein Kompendium von Inseln, die die Autorin nie besucht hat. Im „Hals der Giraffe“ vereinigt Schalansky abermals elegant Wissenschaft und Mythenbildung, Fakt und Fiktion.

Judith Schalansky: „Der Hals der Giraffe. Bildungsroman“. Suhrkamp, 222 Seiten, 22,60 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2011)

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