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Fußball Bundesliga: Grün vs. Violett

Fussball Bundesliga Gruen Violett
Symbolbild Fans(c) APA (ROBERT NEWALD)
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Mai 2009: 170 Rapid-Anhänger wollen den Austrianern Angst machen. Abseits des Fußballstadions. Nun stehen 86 "Grüne" wegen Landfriedensbruchs vor Gericht. "Die Presse" ergründet die Ausweitung der Kampfzone.

Früher, so sinniert ein überzeugter, gleichwohl in die Jahre gekommener Rapid-Anhänger im Gespräch mit der „Presse“, früher sei es Brauch gewesen, vor oder nach einem Match zu kämpfen. Meist gegen den harten Fan-Kern des Stadtrivalen Austria Wien. Hooligans beider Seiten hätten sich das untereinander ausgemacht. Die Polizei habe nur eingegriffen, „wenn Waffen benutzt wurden oder wenn auf die, die schon am Boden gelegen sind, weiter hingetreten wurde“.

Heutzutage komme man gar nicht mehr an den Feind heran. Die Polizei stehe in massiver Formation dazwischen. „Wir haben keine Freiräume mehr“, beklagt der vielfach kampferprobte Rapidler mit wehmütigem Unterton (namentlich will er dabei nicht genannt werden). Und er erklärt damit, warum man zuweilen erfinderisch sein müsse, um halbwegs ungestört die eigene Macht zeigen zu können.

Diese Idee damals – „keine gute Idee“ – war wohl keine richtige Idee, sondern ein Produkt aus der Pläne-schmiede einiger hitziger Fanklubs des SK Rapid Wien. Anfänglich lief die Aktion „Westbahnhof“, das „Abholen“ der Austrianer, planmäßig. Bis die Polizei kam. Und aus dem Ganzen einen Präzedenzfall machte. Inklusive aller strafrechtlichen Konsequenzen. Ein Massenprozess, wie es ihn in dieser Dimension in Österreich noch nie gab, soll ab morgen, Montag, für kollektive Abschreckung (Juristen nennen das Generalprävention) sorgen.

93 Rapid-Fans (darunter keine einzige Frau) sind des Landfriedensbruchs angeklagt. Nachdem mittlerweile laut Strafverteidiger Werner Tomanek einige wenige Fälle durch Diversion (Beispiel: Geldbuße anstelle einer Verurteilung) gelöst wurden, stehen immerhin noch 86 Mann unter Anklage. Ob diese „hält“, ist fraglich. Das Delikt Landfriedensbruch (Zusammenrottung einer Menschenmenge, um schwere Gewalttaten zu begehen) müsste in jedem Einzelfall nachgewiesen werden. Das kann Monate dauern. Auch weil das Gericht nicht mit übermäßiger Schuldeinsicht rechnen darf. „Die Presse“ fragte gut ein Dutzend der Angeklagten vorab, ob sie sich schuldig bekennen. Und alle gaben die selbe schlichte Antwort: „Nein.“


Schlecht gelaunt, gut getarnt.
Die meisten Eingeweihten kamen an jenem Abend des 21. Mai 2009 schlecht gelaunt (Rapid hatte kurz zuvor gegen den Underdog Mattersburg 2:3 verloren), aber dafür gut getarnt (nämlich nicht in den Klubfarben Grün und Weiß, sondern „in Zivil“) zum Westbahnhof. 200 Mann könnten es gewesen sein, um die 170 wurden von der Polizei später als Teil der Abhol-Brigade ausgemacht. Die Reisefreudigen aus den Fan-Reihen des FK Austria Wien saßen in einem Sonderzug, der von einem Auswärtsmatch aus Linz zurückkam. „Das können 600, 700 Austrianer gewesen sein, jedenfalls viel mehr als wir.“ Schlecht? „Schlecht für sie“, sagt der alte Kämpfer in einer Attitüde, die an den Hollywood-Streifen „300“ (300 Spartaner gegen Zehntausende Perser) erinnert. Doch es gab keinen Kampf. Die Polizei hatte ja Wind bekommen von der (gar nicht guten) Idee. Und war präsent. Anfänglich heillos in Unterzahl, dann erfolgte praktisch eine Generalmobilmachung. Die Kampfzone Westbahnhof wurde besetzt. Da war sie wieder, die Barriere zwischen den teils fanatischen, teils dem Kollektiv treu ergebenen Rapidlern und dem ewigen Gegner Austria Wien. Zwei Polizisten wurden bei den Zusammenstößen verletzt, am Bahnhof entstand 6500 Euro Schaden.

Warum? Warum diese Ausweitung der Kampfzone – weg vom Fußballstadion, hin zum Bahnhof? Warum diese „Drittortauseinandersetzung“, wie es im Polizeibericht heißt? Hat der oben zitierte Rapid-Kämpfer – er ist unter den Angeklagten – recht, wenn er sagt, man suche einen/den Gegner? Ein anderer Beschuldigter, ein Mitglied des Fanklubs Flo Town Boys, sagt dazu: „Wir sind hingegangen, weil alle hingegangen sind.“ Das könnte es sein: der Sog der Masse.

Thomas Kern, Chef des Fanklubs Alte Garde („Nein, wir haben mit den Rechtsextremen nichts zu tun, bei uns im Klub sind mehr Linke als Rechte, wir haben Türken, Polen...“), meint: „Das Ganze ist von der Polizei aufgebauscht worden. Als Retourkutsche für das, was sich in den letzten Jahren aufgestaut hat.“ Immer öfter werde die Polizei von jungen, radikalen Fans „geschimpft und angespuckt“. Irgendwann sei eben Schluss.

Kern erinnert auch daran, dass am Vorabend ein junger Rapid-Fan in der Wiener Innenstadt von Austria-Anhängern verprügelt worden sei. Die Aktion „Westbahnhof“ sieht Kern als „Flagge zeigen“. Kuriosität am Rande: Auf den Überwachungsvideos des Bahnhofs ist auch Kern zu sehen – wie er gerade japanischen Touristen die Fahrscheinautomaten erklärt.

Wer? Wer sind die Männer, die nun angeklagt sind? Aus welchen gesellschaftlichen Schichten stammen sie? Aus allen. Die Riege reicht vom Studenten bis zum Akademiker, vom Lehrling zum Bauleiter, vom OP-Gehilfen zum Uhrmacher, vom Arbeitslosen zum Bankkaufmann, vom Trafikanten zum Tischler, vom Koch zum Installateur. So manch unerwartetes Detail tritt hervor, wenn man sich die – der „Presse“ vorliegende – 78 Seiten starke Anklageschrift genauer ansieht.

Aus dem Feind-Bezirk. So finden sich etwa zwei Frühpensionisten (44 und 46 Jahre) unter den Beschuldigten. Den Vorstrafen-Rekord hält ein 44-jähriger Lkw-Fahrer mit elf Vorverurteilungen, die letzte Strafe erhielt er – wegen Landfriedensbruchs. Die Angeklagten im Alter zwischen 20 und 54 Jahren (beschuldigt sind, wie berichtet, auch führende Mitglieder des unter besonderer Beobachtung stehenden Fanklubs Ultras Rapid) stammen keineswegs nur aus Hütteldorf, der Heimstätte des Hanappi-Stadions („St. Hanappi“). Auch ein Döblinger Immobilienentwickler ist dabei. Bemerkenswert ist auch der Umstand, dass fünf Angeklagte aus Wien-Favoriten, der Hochburg des Erzrivalen Austria Wien, stammen.

Für all diese Verdächtigen also fordert Staatsanwalt Thomas Vecsey eine Bestrafung, wobei die Strafsätze für Landfriedensbruch bei bis zu zwei Jahren, für Rädelsführer bei bis zu drei Jahren Haft liegen. In der Anklage schreibt Vecsey: „Bei dem von Aggression und kollektiver Gewaltbereitschaft getriebenen Versuch der Angeklagten und der weiteren unbekannt gebliebenen Mittäter, an den Exekutivbeamten vorbei und zu den FK Austria-Anhängern zu gelangen, kam es zu zahlreichen, in Summe schweren Sachbeschädigungen zum Nachteil der ÖBB und zu teils vollendeten, teils versuchten Körperverletzungen an Exekutivbeamten.“ Ob das Gericht dies auch so sieht, bleibt abzuwarten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2011)