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Glavinic-Dramatisierung: Von Daniel Kehlmanns Kulisse fast erschlagen

(c) APA/LUPI SPUMA/SCHAUSPIELHAUS GR (LUPI SPUMA/SCHAUSPIELHAUS GRAZ)

Der satirische Roman „Das bin doch ich“ von Thomas Glavinic wurde im Schauspielhaus Graz von der Regisseurin Christine Eder leichtgängig in Szene gesetzt, mit Thomas Frank als komödiantischem Kraftpaket.

Wie verwandelt man einen Roman in ein Bühnenwerk? Regisseurin Christine Eder eröffnet ihre Fassung von Thomas Glavinics in der ersten Person erzähltem „Das bin doch ich“ mit einem Überraschungszug. Der rote Vorhang des Schauspielhauses Graz ist bei der Uraufführung am Sonntag geschlossen, an der Rampe stehen ein schwarzer Tisch mit Mikrofon und Wasserglas sowie ein schwarzer Stuhl (Ausstattung: Monika Rovan). Thomas Frank verbeugt sich und beginnt mit einer Dichterlesung. Das wirkt wie eine inszenatorische Bedrohung, doch aus dem strengen literarischen Beginn entwickelt sich rasch Situationskomik, die zum Besten an diesem knapp zweistündigen Abend gehört.

Der Dichter liest, da fährt neben ihm ein Teil der Bühne hoch. Der Tisch kippt um. Der Dichter räumt auf, dabei reißt er den roten Vorhang runter. Er verwickelt sich darin, räumt ihn mit Mühe in eine Loge. Er liest weiter. Slapstick: Statt des Vorhangs sieht man nun Rückseiten von Kulissen, sie stammen anscheinend von der Uraufführung von Daniel Kehlmanns erstem Stück, das eine Woche zuvor in Graz Premiere hatte. Frank steht an der Rampe, da fällt eine der Kulissen auf ihn; wie Stummfilmstar Buster Keaton wird er von der Wand nicht erschlagen – ratsch! – durchstößt er nur Papier. Der Dichter in der Blödelhölle. Das Mobiliar wird in die Höhe gehoben. Er muss sich strecken.

Große Namen und lokale Größen

Jetzt aber ist es an der Zeit für mehr als eine Lesung mit Pannen: Sebastian Reiß, Christoph Rothenbuchner und Birgit Stöger schlüpfen in diverse Rollen aus dem Roman, um das Solo zu begleiten. Sie spielen fiktive Varianten realer Menschen aus dem Freundeskreis von Glavinic, aus dem Verlagswesen, den Medien und auch berühmter Dichter wie Safran Foer oder Vargas Llosa.

Das Ensemble ist immer lustvoll und wandlungsfähig bei der Sache, hantelt sich geschickt über manche Längen des Textes hinweg. Denn dieser selbstironische, streckenweise auch leichtgängige Roman bietet zwar eine Reihe amüsanter Episoden, aber wenig Dramatik. So ist es konsequent, dass die Regie auf verspielte Rasanz setzt, auf den sympathischen Esprit von Glavinic. Der Hauptdarsteller ist jedenfalls gut gewählt; Frank, dieses komödiantische Kraftpaket, gibt einen hypochondrischen Autor, der Mühe hat, einen Verlag fürs nächste Buch („Die Arbeit der Nacht“) zu finden. Sein Freund Daniel Kehlmann hingegen hat soeben den Bestseller „Die Vermessung der Welt“ vorgelegt. Einer der immer wiederkehrenden Gags: Der fiktive Glavinic (der echte ist renommiert und erfolgreich und äußerst produktiv) berichtet von der Mühsal des Schriftsteller-Daseins. Da ruft der fiktive Kehlmann an und verkündet stolz neueste Rekordverkaufszahlen. Er ist auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Kleine Katastrophen im Zug

Wunderbar bildet sich dabei in Franks Gesicht der Konflikt ab. Ihn freue der Erfolg des Freundes, sagt er und blickt dabei traurig wie ein Dackel, dem man die Extrawurst wegschnappt. Als er aber in einem Artikel liest, dass Kehlmann der beste Autor seiner Generation sei, bricht es aus ihm heraus: „Das bin doch ich“, sagt er, und diese Zurückweisung erklärt auch die Ängste und die Einsamkeit des Autors, mitten in der Geselligkeit, mit stadtbekannten Personen der Wiener Künstlerszene wie Maurer, Gratzer, Krystufek.

Aus Lesungen entwickeln sich alkoholische Exzesse, aus Zugfahrten Katastrophen der Diarrhö. Wunderbar sind die Szenen des Dichters als lokale Berühmtheit im Familienkreis oder als unbekannte Größe in der Kulturabteilung des Landes Steiermark anzusehen. Auch Arztbesuche voller Possen sind bei diesen Herzensergießungen eines angeblich Todkranken unvermeidbar.

Die gute Nachricht sei verraten: Der geplagte Dichter ist kerngesund. Auch ist bekannt, dass weder Kehlmann noch Glavinic damals vor sechs beziehungsweise fünf Jahren den Deutschen Buchpreis gewonnen haben. Aber sie schreiben weiter sehr erfolgreich Romane, sie können sich in Szene setzen, und darauf kommt es an. Nicht immer müssen sie dabei die Hosen so weit runterlassen wie der fiktive Glavinic, der vom gar nicht erfundenen Elend der Schriftstellerei schelmisch zu berichten weiß.
Nächste Termine: 12., 10., 25, 29. Oktober.

Der Schriftsteller

Thomas Glavinic, geboren 1972 in Graz, war als Werbetexter und Taxifahrer tätig, eher er die Literatur zum Beruf machte. Er lebt mit Frau und Sohn in Wien, 2011/12 übernimmt er eine Poetik-Dozentur an der Hochschule Rhein-Main. Er ist seit seiner Kindheit Sturm-Graz-Anhänger. Vor Kurzem passierte ihm, als er für eine Zeitschrift einen Lamborghini testete, ein Unfall mit Total-, aber ohne Personenschaden. Mehr über ihn auf seiner Homepage: www.thomas-glavinic.de
Sein Debütroman war „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ (1998), es folgte „Herr Susi“ (2000). Für den Krimi „Der Kameramörder“ (2001) erhielt er den Friedrich-Glauser-Preis. Gelobt wurden auch die Romane „Wie man leben soll“ (2004) und „Die Arbeit der Nacht“ (2006). Mit „Das bin doch ich“ (2007) kam er auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Jüngste Werke: „Das Leben der Wünsche“ (2009), „Lisa“ (2011) – über eine grauenhafte Mordserie – und „Unterwegs im Namen des Herrn“ (2011), ein böser Bericht über eine Wallfahrt.