Kapitän ohne Schiff, Helfer aller Menschen und keiner Macht: Hugo Pratts gezeichneter Heros, ein Vorbild.
Ich bin der Stille Ozean, und ich bin der größte“: Mit diesen Worten beginnt „Südseeballade“, der erste Band aus der Serie der gezeichneten Abenteuer des Seemanns Corto Maltese, mit der der venezianische Illustrator und Autor Hugo Pratt 1967 seinen Weltruhm begründete. Corto Maltese ist eine der hinreißendsten Figuren aus der Kunstform der Bande Dessinnée, also dessen, was man auf Deutsch höchst unzureichend als „Comic“ verallgemeinert.
Corto Maltese ist ein Kapitän ohne eigenes Schiff, ein ewiger Träumer, der vor Neuguinea ebenso nach Schätzen sucht wie im Amazonas-Dschungel nach Eldorado, einen goldenen Ohrring trägt und sich mit der Rasierklinge eine neue Glückslinie in die Hand geritzt hat, weil ihm seine alte missfiel. Ein wahrlich freier Mensch also. Auf der dritten Seite der „Südseeballade“ begegnen wir ihm erstmals, von seiner meuternden Besatzung an ein Floß gefesselt und den Haien überlassen, und wie er sich aus dieser Bredouille befreit, um diese Spannung wollen wir Sie hier nicht bringen.
Es ist die Welt von Joseph Conrad, Herman Melville und Jack London, in die uns der 1995 verstorbene Pratt führt, und er tut es mit der Gesinnung eines Humanisten. Corto ist stets auf der Suche nach Schätzen, aber kaum sieht er jemanden in Not, schenkt er ihm, was er hat. Er macht sich nie mit den Mächtigen gemein, sondern landet – auch wenn er vorgibt, nur das nächste Abenteuer im Sinn zu haben – doch stets auf der Seite der Schwachen. Er hat das Herz am rechten Fleck, ist aber kein Moralist. Er tut das Gute, ohne sich dessen zu rühmen. Kein schlechtes Vorbild also in Zeiten, wo „Selbstvermarktung“ Wahlfach an Wirtschaftsuniversitäten und „Corporate Social Responsibility“ ethisches Feigenblatt für Ölkonzerne ist.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2011)