Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Fußball: Ein Teamchef, der viele Fragen aufwirft

(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Christian Ort)
  • Drucken

Mit der Bestellung des Schweizers Marcel Koller zum neuen Teamchef hat der ÖFB Reformwillen gezeigt. Wer wirklich das Sagen hat und welche Veränderungen das in der Praxis mit sich bringt, wird sich erst zeigen.

Wien. Der Bestellung von Marcel Koller zum österreichischen Teamchef wurde mit viel Skepsis und Zurückhaltung begegnet. „Die Presse“ befasst sich mit den entscheidenden Fragen.

1 Koller tritt mit dem ambitionierten Ziel an, die WM-Endrunde 2014 in Brasilien zu erreichen. Was kann man realistisch vom Team erwarten?

Österreich trifft in der WM-Qualifikation auf Deutschland, Schweden, Irland, Kasachstan und Färöer. Gegen die DFB-Auswahl wird man sich auch unter Marcel Koller kaum Chancen ausrechnen dürfen, auch wenn die Österreicher bei der 1:2-Niederlage in Wien mit der Löw-Auswahl fast auf einer Augenhöhe waren. Aber so kraftlos wird man die Deutschen so bald nicht noch einmal erwischen.

Schafft der neue Teamchef Rang zwei und damit die Playoff-Spiele, dann hat Rot-Weiß-Rot den erhofften Fortschritt gemacht. Dies wird nur gelingen, wenn Marcel Kollers Team die Heimspiele gegen Schweden, Irland, Kasachstan und Färöer erfolgreich gestaltet. In der (bislang letzten) Qualifikation für eine Endrunde, 1998, konnte Schweden mit viel Glück auch auswärts bezwungen werden, unter Hans Krankl hat Österreich auf der Insel triumphiert. Gegen Kasachstan und Färöer darf man sich keinen Umfaller erlauben. Was 1990 in Landskrona passiert ist, wird den Schweizer Koller nicht tangieren, dass die Österreicher unter Karel Brückner auf der Schafsinsel nur ein 1:1-Unentschieden erreicht haben, sollte für den Constantini-Nachfolger Warnung genug sein.

2 Wie wird Marcel Koller die
Kapitänsfrage lösen?

Offiziell ist Marc Janko der Kapitän. Aber der Holland-Legionär steht dem Nationalteam nicht immer zur Verfügung, weil der Stürmer verletzungsanfällig ist. Teamchef Koller wird beantworten müssen, ob dieser Sturmtank überhaupt in sein System passt. Bleibt Janko auf Dauer Ersatzspieler, dann muss er offiziell abgesetzt werden. Christian Fuchs hat sich in den vergangenen Monaten als Ersatzkapitän bewährt. Der neue Teamchef wird keinen Grund für eine Veränderung sehen.

3 Welche personellen Entscheidungen im österreichischen Team muss Koller zuallererst in Angriff nehmen?

Marcel Koller kennt die österreichische Mannschaft nur vom Hörensagen. Er hat sich zwar bei den Spielern bereits vorgestellt, viel mehr als ein Händeschütteln gab es aber noch nicht. Die Reise nach Aserbaidschan und Kasachstan macht der neue Teamchef nicht mit, damit verbleiben ihm nur fünf Wochen, bis er den Kader für das Länderspiel in der Ukraine bekanntgeben muss.

Koller wird viel reisen und sich auf Informationen der ÖFB-Mitarbeiter verlassen müssen. Es ist anzunehmen, dass sich am Constantini-Stamm nicht allzu viel ändern wird, der Tiroler hat in seiner Amtszeit auch keine Rohdiamanten übersehen.

Marcel Koller wird sich mit den von Didi Constantini Verstoßenen unvoreingenommen auseinandersetzen. Gladbach-Legionär Martin Stranzl hat zuletzt noch einmal bekräftigt, fürs Nationalteam eigentlich nicht zur Verfügung zu stehen.

4 Welchen Einfluss hat Sportdirektor Ruttensteiner auf die Arbeit des Teamchefs?

Zwischen dem Sportdirektor und dem neuen Teamchef soll es eine enge Zusammenarbeit geben. Marcel Koller sagt, er sei ein Trainer, der seinen Willen durchsetzt, der ÖFB aber hat die Rolle des Sportdirektors klar aufgewertet. Gemeinsam soll das Grundprinzip aller(!) ÖFB-Auswahlen festgelegt werden. Damit soll der Umstieg ins A-Team irgendwann einmal leichter fallen.

Der Sportdirektor wird mit mehr Macht ausgestattet, der Teamchef hat dem ÖFB regelmäßig über die Vorgänge im Nationalteam zu berichten. Präsident Leo Windtner: „Spion werden wir natürlich keinen zum Team hinschicken.“

5 Werden die Karten im ÖFB-Nachwuchsbereich neu gemischt? Was passiert mit Herzog, Heraf und Co.?

Andreas Herzog konzentriert sich vorerst auf die Qualifikationsspiele mit der U21-Auswahl gegen die Niederlande und Schottland. Ob er sich sozusagen „von oben“ ein Spielsystem anschaffen lässt, bleibt abzuwarten. Seinen Vertrag mit dem ÖFB will Herzog bis Sommer 2012 erfüllen, dann dürfte Österreichs Rekordnationalspieler eine andere Herausforderung suchen.

Der neue Teamchef darf üblicherweise seinen eigenen Assistenten einbringen. In Köln hat Koller Jos Luhukay einfach übernommen, der ist jetzt Betreuer von Aufsteiger Augsburg. In Bochum war Frank Heinemann seine rechte Hand. Der assistiert jetzt beim Hamburger SV. Einen Co-Trainer darf sich Koller aussuchen, der Rest vom ÖFB-Betreuerteam soll bleiben. Auch an eine weitere Zusammenarbeit mit Fitnesscoach Roger Spry ist gedacht.

6 Warum hat das erste Spiel unter Koller gegen die Ukraine sehr wenig Aussagekraft?

Das Spiel am 15. November in Lemberg gegen die Ukraine kommt für Marcel Koller zu früh. Drei Tage vor dem Spiel wird noch Liga gespielt. In drei Tagen wird er dem Team seine Philosophie nicht vermitteln können. Ein Wintertraininingslager lässt sich aus terminlichen Gründen nicht einschieben.

7 Was hat Koller seinem Kollegen Kurt Jara voraus?

Kurt Jara hat sowohl als Spieler als auch als Trainer objektiv mehr aufzuweisen als Koller. Jara spielte bei internationalen Topklubs wie Valencia und Schalke und wurde mit Wacker Innsbruck und Grasshoppers Zürich jeweils dreimal Meister. Mit dem FC Tirol holte er als Trainer zwei Meistertitel, zudem betreute er die deutschen Traditionsklubs Hamburger SV und Kaiserslautern. Jara wäre ohne Zweifel ein kompetenter Teamchef. Was gegen ihn und für Koller den Ausschlag gegeben hat, dürfte die Kommunikationsfähigkeit sein: Jara gilt als Alpha-Tier mit Hang zur Starrköpfigkeit. Koller hingegen kann Kritik geschickt verpacken. Etwa jene an Teamspielern, die gegen Aserbaidschan wegen kleiner „Wehwehchen“ abgesagt haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2011)