Forscher der Med-Uni Wien haben den Mechanismus der Makuladegeneration aufgedeckt: Es ist eine Genvariante - und zwar in einer besonderen Abteilung des Immunsystems, dem Komplementweg.
Wenn Neugeborene das erste Mal die Augen aufschlagen und das Licht erblicken, ist manchen in den Genen ein böses Schicksal geschrieben: Die Strahlung der Sonne belastet das Auge, sie bringt es unter Stress, unter anderem mit aggressiven Molekülen: freien Radikalen. Deren Attacken können viele Menschen ihr Leben lang verkraften, aber andere erblinden mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann daran, an altersbedingter Makuladegeneration (AMD), bei der Netzhautzellen im zentralen Gesichtsfeld sterben. Ein Drittel der Erblindungen im Alter über 50 kommen davon, weltweit leiden 30 bis 50 Millionen Menschen daran, kausale Therapien gibt es nicht.
Man weiß nur, dass Genvarianten mitspielen, und zwar in einer besonderen Abteilung des Immunsystems, dem Komplementweg. Er schafft Eindringlinge wie Bakterien weg, er entsorgt auch körpereigenen Müll, etwa Malondialdehyd (MDA): Das fällt im Auge an, wenn sich unter dem Bombardement des Sonnenlichts freie Radikale bilden und das Fett in Zellmembranen angreifen. Dieses MDA wird für gewöhnlich von einem Mitglied des Komplementwegs abgefangen – Komplement H –, aber in der krankmachenden Gen- bzw. Proteinvariante bindet Komplement H weniger MDA, viel bleibt frei. Das wird dann von anderen Mitgliedern des Immunsystems angegriffen – vor allem von Makrophagen –, die bringen eine chronische Entzündung, und die bringt AMD. „Dass die Risiko-Genvariante mitspielt, hat man schon gewusst“, berichtet Christoph Binder (Med-Uni Wien und CeMM) der „Presse“, „aber den Mechanismus hat man nicht gekannt. Den haben wir nun aufgedeckt.“ (Nature, 476, S.76)
Verborgener evolutionärer Sinn?
„Man hätte ja allein von den Abkürzungen her den Zusammenhang sehen müssen: MDA und AMD“, scherzt Binders Mitarbeiter David Weissmann, der die aufwendige Laborarbeit zum großen Teil geleistet hat. Dabei wurde gezeigt, dass Komplement H in der normalen Variante MDA „einfängt“. Aber es gibt eben auch die andere Variante, häufig, 30 Prozent der Menschen weißer Hautfarbe haben sie: „Offenbar gab es in der Evolution Druck, diese Variante zu erhalten“, spekuliert Weissmann: „Vielleicht ist sie in anderen Zusammenhängen von Vorteil, etwa bei infektiösen Erkrankungen.“ Dafür spricht auch, dass der Preis – Makuladegeneration – erst spät entrichtet werden muss, nach dem Ende der Reproduktion, dann hat ein Lebewesen in den Augen der Evolution ausgedient.
In den eigenen und der anderer natürlich nicht. Aber Weissmann ist zuversichtlich, dass man „zumindest theoretisch bei Patienten mit der Risikovariante die richtige, schützende MDA-Variante lokal ins Auge injizieren könnte“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2011)