Der renommierte indische Ökonom Arvind Subramanian warnt die Europäer davor, Chinas rasanten Aufstieg zu verschlafen: "China verwendet seine wirtschaftliche Macht, um politische Ziele zu erreichen."
Die Presse: Herr Subramanian, laut Ihren Berechnungen wird China schon im kommenden Jahrzehnt die größte Wirtschaftsmacht der Welt sein – viel schneller, als die meisten Leute glauben. Ist das für die Europäer eine gute oder schlechte Nachricht?
Arvind Subramanian: Für die Europäer? Nun, wirtschaftlich betrachtet ist das eine gute Nachricht. Das ist eine großer Markt. Deutschland zum Beispiel profitiert enorm davon. Wenn jemand wächst, ist das grundsätzlich gut für alle. Aber es gibt in all dem auch ein geopolitisches Element der Macht. In diesem Sinn ist der Aufstieg Chinas per definitionem eine Bedrohung für die bisherigen Mächte. Und insofern die USA und die EU bisher Mächte sind, gibt es jetzt einen Konkurrenten.
Chinas neue weltpolitische Macht zeigt sich am deutlichsten in Afrika: Immer mehr taiwanesische Botschaften sperren dort zu...
...das ist die wirtschaftliche Macht. China verwendet seine wirtschaftliche Macht, um politische Ziele zu erreichen.
Wo zeigt sich das für Sie in Europa?
Zum Beispiel neulich, als China offensichtlich verlangt hat, im Gegenzug für den Kauf italienischer Staatsanleihen von den Europäern im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO schneller als Marktwirtschaft anerkannt zu werden. Gott allein weiß, welche Deals hinter den Kulissen geschlossen werden. In diesen Angelegenheiten gibt es nämlich keine Geschenke. China wird etwas fordern. Vielleicht mehr Macht im Internationalen Währungsfonds. Ein Nachgeben in der Taiwan-Frage. Ein Nachgeben im Pazifikraum.
Sie saßen unlängst in Brüssel auf einem Podium neben Pierre Vimont, dem Generalsekretär des Auswärtigen Dienstes der EU. Haben Sie das Gefühl, dass die außenpolitischen Strategen der EU Chinas ökonomischen Aufstieg ernst genug nehmen?
In den USA ist man von diesem Thema besessen. Ich bin mir nicht sicher, ob das in Europa im selben Ausmaß der Fall ist. Denn erstens ist Europa derzeit mit seiner Krise beschäftigt. Zweitens ist die europäische Einstellung gegenüber China anders als die der USA. Die USA sehen sich viel stärker in direkter Rivalität zu China, vor allem militärisch. Das Verhältnis der EU zu China ist daher nicht so scharf konturiert wie das zu den USA.
Sie berechnen auch, dass Chinas Währung, der Renminbi, schon in diesem Jahrzehnt den Dollar als wichtigste Reservewährung der Welt ablösen wird. Was bedeutet das für den Euro? Die Gründerväter der Währungsunion haben ja oft ihr Bestreben bekundet, die Vormachtstellung des Dollar zu brechen.
Das wird nicht passieren. Der Euro wird nicht den Dollar ersetzen. Und jetzt wird er ein weit abgeschlagener Dritter, angesichts der Krise und Chinas Aufstieg. Aber in gewisser Weise spielt diese ganze Debatte rund um die globale Reservewährung keine Rolle. Eine Reservewährung zu haben, hat Vorteile, aber auch Nachteile.
Zum Beispiel?
In den USA gibt es eine sehr starke Denkschule, die sagt: Die Amerikaner haben über lange Zeit verantwortungslose Politik betrieben, weil der Dollar die Leitwährung der Welt war und sie sich somit billig verschulden konnten.
Ist es naiv zu sagen: Wenn der Renminbi entsprechend Ihrer Annahme gegenüber dem Euro aufwertet, wäre das ein Teil der Lösung für die Schuldenkrise der Euroländer? Denn dann würden die europäischen Waren im internationalen Vergleich billiger.
Nun, es besteht kein Zweifel, dass Chinas Währung unterbewertet ist. Der Renminbi muss um 20 bis 25 Prozent aufwerten. Der Euro und der Dollar müssten dementsprechend abwerten. Das wäre gut für die USA und gut für Europa. Das Problem ist nur, dass die Verteilung dieser Abwertungsgewinne innerhalb Europas vermutlich nicht wirklich dazu beitragen werden, die Krise zu lösen. Deutschland würde davon stark profitieren, aber es sind die Griechen und Italiener, die davon einen Nutzen haben müssten. Aber abgesehen davon: Ja, die Abwertung des Euro wäre eine gute Sache.
Kann die EU in dieser neuen Welt, die China wirtschaftlich beherrscht, mit 27 nationalen Finanzministern und Budgets bestehen? Oder teilen Sie die Meinung von Jean-Claude Trichet, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank, wonach Europa einen gemeinsamen EU-Finanzminister und eine gemeinsame Fiskalpolitik braucht?
Fraglos muss es mehr fiskalische Integration geben, wenn das europäische Projekt überleben soll. Es muss auch viel mehr Koordinierung in der Finanzmarktpolitik geben als derzeit. Die Kombination aus so vielen Kapitalflüssen, der dezentralisierten Fiskalpolitik und nationalen Finanzaufsichtsbehörden war ein Rezept für die Katastrophe. Es braucht also mehr Koordinierung bei der Aufsicht über den Finanzsektor. Ansonsten haben Sie weiterhin all diese Banken, die de facto globalisiert sind, aber auf einzelstaatlicher Ebene reguliert werden.
Auf einen Blick
Arvind Subramanian forscht am Peterson Institute for International Economics in Washington. Davor arbeitete er für den Internationalen Währungsfonds. In seinem neuen Buch „Eclipse: Living in the Shadow of China's Economic Dominance“ präsentiert er Berechnungen, wonach China spätestens im Jahr 2030 wirtschaftlich so mächtig sein wird wie das Vereinigte Königreich um 1870 oder die USA nach dem Sieg im Zweiten Weltkrieg.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2011)