Abenteuer. Wie ein österreichischer Student bei Indianern in Guatemala Erfahrungen als Arzt sammelt.
AK'TENAMIT (GUATEMALA). Damit rechnet man wohl am allerwenigsten: Bei einer Fahrt über den Rio Dulce mitten im guatemaltekischen Dschungel plötzlich einem Österreicher gegenüberzustehen - noch dazu einem, der nicht bloß für ein paar Tage mit Khakihose, Tropenhut und Kamera im Anschlag das Land bereist.
Matthias Hofmann, Medizinstudent im 12. Semester, ist eine solche unerwartete Erscheinung. Der 25-jährige Wiener absolviert derzeit ein Volontariat in der Dschungelklinik des Ökoprojekts Ak'Tenamit. "Das ist perfekt zum Üben", sagt er, "denn es gibt hier kaum Geräte, man muss vieles mit den Händen ertasten." Obwohl ihm zum Abschluss noch einige Prüfungen fehlen, gilt er für seine Patienten als vollwertiger Mediziner. Seine Patienten, das sind rund 5000 Q'eqch-Indianer, die im Umkreis der Klinik leben. "Die Hauptaufgaben sind das Abhören von Lungen und die Behandlung von Hautkrankheiten", erzählt Hofmann.
Davon sind allerdings nicht nur die Indianer selbst betroffen, auch er hat sich in der nicht ganz so hygienischen Umgebung bereits einen Hautpilz eingefangen, "und zehn Kilo abgenommen habe ich auch schon." Gut vorstellbar, denn die Umgebung ist vom Klischee, das der Fernsehzuschauer mit einer "Klinik unter Palmen" verbindet, recht weit entfernt. Wassertoiletten gibt es nicht, zu essen gibt es drei Mal täglich Reis und Bohnen, Strom ist vor allem eines: Glückssache.
Und die Volontäre leben in kleinen Holzkojen auf einem Pfahlbau vor dem Wasser, in denen sie ihre Kleidung und persönliche Dinge aufbewahren - zur Ausstattung gehören eine Matratze und ein - während der Regenzeit absolut notwendiges - Moskitonetz.
Und dennoch ist der Student froh, im mittelamerikanischen Dschungel einige Monate verbringen zu können. "Wenn man die Welt aus einem anderen Blickwinkel sehen will, ist das optimal", meint er. Vermittelt wurde er zu Ak'Tenamit über die Austrian Medical Students Association (Amsa), bei der er selbst aktiv ist (siehe Artikel rechts). Von dieser Tätigkeit lässt sich auch das gewisse Maß an Idealismus erklären, das für ein solches Volontariat notwendig ist - denn die Tätigkeit wird für das Studium nicht angerechnet. Auch Bezahlung ist keine Motivation - es gibt keine. Sogar den Flug musste Hofmann selbst bezahlen.
Dafür erlebt man einiges, von dem man im späteren Berufsleben enorm profitieren kann - etwa eine Geburt, bei der Hofmann mitten in der Nacht ein Mädchen auf die Welt holte - bei Kerzenschein: "Das war relativ romantisch." Wie es heißt, weiß er allerdings nicht: "Kinder bekommen hier bis zum dritten Monat keinen Namen", erzählt er. Die Säuglingssterblichkeit sei enorm hoch, es fehlt an Ausrüstung und Medikamenten. Und an Aufklärung: "Normalerweise hat man hier ein Kind an der Brust und das nächste schon im Bauch." Die meisten Mädchen bringen im Alter von 15 Jahren ihr erstes Kind zur Welt. Aus diesem Grund leisten die Volontäre, die aus den verschiedensten Teilen der Welt hierher kommen, auch Aufklärungsarbeit. Auf Schautafeln wird über Geschlechtsverkehr und Fortpflanzung informiert, zusätzlich werden Kondome gratis verteilt.
Insgesamt arbeiten in Ak'Tenamit sechs bis neun Volontäre aus verschiedenen Ländern, darunter auch Lehrer und Pädagogen. Alle drei Monate kommt ein neuer Volontär dazu. In einer Gruppe auf engem Raum ist Lagerkoller ein natürlicher Begleiter. "Aber wir fangen uns gegenseitig ab", meint Hofmann. Was ihm am meisten abgeht? "Wassertoiletten wären super. Und ein Wiener Schnitzel wäre auch nicht schlecht."
Ein paar Monate muss er dafür noch durchhalten. Bis Dezember bleibt er noch im Dschungel von Guatemala, dann wird er wieder heimfahren - zu Weihnachten: "Diese Auflage habe ich von der Mama bekommen."