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Fernando Botero: Volumen ist kein Fett!

(c) EPA (Daniel Mordzinski)
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Ein Besuch im Atelier von Fernando Botero. Er spricht über Kunst, Politik und verrät, warum er doch nicht Torero geworden ist.

Ein Altbau in der Pariser Rue du Dragon. Hier befindet sich das  Atelier des kolumbianischen Maler-Fürsten Fernando Botero. Seine rundlichen Figuren sind eine Weltmarke. Fast zwei Millionen Euro kostet ein Gemälde. Im Gespräch mit dem „Schaufenster“ betont der rüstige Künstler, der 2012 seinen 80. Geburtstag feiert, dass – anders als in Kommentaren zu lesen ist – seine feisten Menschen keineswegs die degenerierte Kolonial-Bourgeoisie karikieren. Form und Komposition sind von Altmeistern inspiriert. Ihn störte, dass üppige Formen in der Kunst seit der Moderne keinen Platz mehr zu haben schienen, obwohl sie ein essenzieller Teil der Kunstgeschichte waren.
Botero kann auch anders. 2006 sorgte er mit schockierenden Abbildungen vom Folter-Skandal im Abu-Ghuraib-Gefängnis für Aufsehen. Amerikas Politik will er trotzdem nicht in Bausch und Bogen verdammen. Präsident Obama stehe zwischen vielen Fronten: „Ich kann dazu auch nicht mehr sagen als jedermann“, meint Botero. Als junger Mann hat er seine Heimat verlassen. Er wurde in der Drogen-Hochburg Medellín geboren, lebte in Bogota, später in Europa. Heute hat er Ateliers in New York, Griechenland, in der Toskana und eben in Paris.

Künstler als Sammler. Die USA sind ein wichtiger Markt, wenn er dort auch anfangs keineswegs willkommen war: Der Abstrakte Expressionismus (Jackson Pollock, Robert Rauschenberg, Mark Rothko) war von den 1940er- bis zu den 1960er-Jahren die dominante Kunstströmung. Die unliebsame Konkurrenz hielt Botero, wie er erzählt, aber keineswegs davon ab, Sammler zu werden: Klassische Moderne, aber eben auch Zeitgenossen finden sich in seiner umfangreichen Sammlung, welche er in eine Stiftung in Kolumbien eingebracht hat, die von der Nationalbank getragen wird. Es gibt auch ein Museum. Mit seiner Heimat hat Botero anscheinend seinen Frieden gemacht, dort hat er ein Haus und ein Atelier. Die heutige politische Lage sei weniger schrecklich als noch vor 20 oder 30 Jahren, meint er. In seinem Pariser Atelier ist eine Serie von Kreuzweg-Gemälden zu sehen, obwohl er „mehr oder weniger Agnostiker“ ist, wie er erzählt. Die katholische Kirche in Kolumbien habe sich teilweise der Theologie der Befreiung ergeben, die ab den 1960er-Jahren in Lateinamerika große Popularität erlangte, weil sie sich von den Reichen ab- und den Armen zuwandte: „Es gab sogar Priester, die in den Dschungel gingen und Guerillaführer wurden“, so Botero.

Botero und das Kunstbusiness. Wie beurteilt er den Kunstmarkt, einen großen Betrieb mit einer stetig wachsenden Anzahl an Messen und Marktplätzen? Botero sieht die Entwicklung positiv. Als Künstler reise er gern zu diesen Events, denn man sehe viel, tausche sich aus und könne die Preise vergleichen. Direkt verkaufe er hingegen nichts. In den Ländern, in denen er arbeitet, hat er auch seine Galerien. Anfangs war er noch froh, wenn jemand etwas erwarb. Heute trennt er sich nicht mehr so gerne von seinen Bildern.
Sein Stil schockierte anfangs viele Leute. Nichtsdestotrotz hatte er bald wichtige Sammler wie etwa den Schweizer Galeristen Ernst Beyeler (1921-2010). Der Kunstmarkt sei in der Hand der Vermittler, der Kuratoren, sie haben große Macht, können Künstler favorisieren, etablieren, aber auch fallen lassen, aus dem Kanon ausscheiden lassen, sagt Botero. Doch manche Leute lehnen seine Malerei einfach ab: „Das macht mir nichts aus. Ich kann auch manche Sachen nicht leiden.“ Welche das sind, das verrät er nicht. 
Dreimal war Botero verheiratet, seine jetzige Frau, eine Griechin, die immer in den USA gelebt hat, ist Juwelierin. Ihre gewichtigen Kreationen tragen Namen aus der griechischen Mythologie. Botero hatte vier Kinder, ein Sohn starb mit vier Jahren bei einem Autounfall, bei dem auch er selbst verletzt wurde. Auf einem Gemälde sieht man den Knaben auf einem Schaukelpferd, die Eltern springen aus dem kleinen Puppenhaus daneben und scheinen den Buben zu rufen. Traumverloren, grotesk und dramatisch wirkt das Bild.

Stierkampf-Fan. Der Künstler führt gern durch sein Atelier, in dem es beinahe zu arrangiert aussieht: mit den verschiedenen Studien am Boden, die nicht weniger perfekt sind als die Gemälde selbst, Klecksen an den Wänden, Malutensilien überall. Doch Unordnung herrscht hier nicht.  An der Wand hängt eine Hommage an Ludwig XIV. und eine Infantin von Velazquez im Botero-Stil. Die Entwürfe gehen schnell. Er schnappt sich ein Blatt oder eine Leinwand und schon zeichnet er und malt: „Das ist der Grund, warum ich an vielen Plätzen Ateliers habe. Ich muss sofort arbeiten können, wenn mir etwas einfällt“, sagt er. Das Wort „dick“ für seine Figuren kann er übrigens nicht ausstehen. Sie hätten eben „Volumen“. Das Wort gefällt ihm schon eher.
Als Kind hat er eine Ausbildung zum Torero gemacht. Als er den echten Stier in der Manege sah, wusste er: „Das ist nichts für mich.“ Ein Stierkampf-Fan ist er trotzdem und in seiner gesetzten, gelassenen Weise erklärt er auch, warum: „So viele Tiere werden getötet. Überhaupt gibt es so viel Sterben auf der Welt. Der Stierkampf dauert nicht lange. Der Stier ist im Adrenalinrausch. Er spürt kaum Schmerzen.“ Klingt trotzdem reichlich gruselig – wie auch viele Bilder Boteros, die hinter einer Maske von Schwelgerei ein unheimliches Eigenleben zu führen scheinen.

TIPP

Die erste umfassende Präsentation seines Werks in Österreich: 70 Gemälde, von den 1950er Jahren bis heute geben Einblick in Boteros künstlerisches Universum.
Bank Austria Kunstforum, 12.10. bis 15.1.2012