Besucher lassen Pilze und Bakterien wachsen. 1977 musste Altamira für Touristen geschlossen werden, die Massen hatten das Habitat so verändert, dass Bakterien und Pilze die Wunderwerke an den Wänden zerstörten.
Nach Altamira ist alles Dekadenz“, soll Picasso geurteilt haben, es ist wohl eher gut erfunden, der Maler war nie in der Höhle, in deren eingestürztem Eingang 1868 ein Jagdhund verschwand. Sein Herr barg ihn und berichtete seinerseits seinem Herrn, dem Grundbesitzer und Amateurforscher de Sautulo, von dem Fund. Dieser erkundete das weitläufige Höhlensystem nahe der Nordküste Spaniens, er fand prähistorische Knochen und Werkzeuge, aber nach oben richtete er seine Blicke nicht. Das tat erst seine kleine Tochter, als sie ihn Jahre später auf einer zweiten Erkundung begleitete: „Schau, Papa, Ochsen!“
Diese waren vor 15.000 Jahren an Wände und Decken gepinselt und geritzt worden, es war der erste Fund steinzeitlicher Malerei, die Fachwelt empfing ihn frostig: Es sei ein „vulgärer Streich eines Schmierers“, urteilte der französische Prähistoriker Émile Cartailhac, er bezichtigte de Sautulo der Fälschung. Er schloss verbittert die Höhle wieder und war längst tot, als Cartailhac 1902 widerrief: Man hatte inzwischen auch andere Höhlen entdeckt, die von frühen Künstlern ausgeschmückt worden waren.
Wer möchte diese Schätze nicht gern mit eigenen Augen sehen! 1977 musste Altamira für Touristen geschlossen werden, die Massen – 175.000 waren es 1973 – hatten das Habitat so verändert, dass Bakterien und Pilze die Wunderwerke an den Wänden zerstörten. Von Natur her war die Höhle nährstoffarm und dunkel, nun brachten die Besucher Wärme, Feuchtigkeit und Nährstoffe – die kamen auch durch die Erde, seit über der Höhle Rinder gehalten wurden –, und sie brachten Licht. Das Problem mit den Rindern wurde gelöst, 1982 gab es wieder Zugang (für 11.000 Menschen im Jahr). Aber das Licht ließ phototrophe Mikroorganismen so kräftig gedeihen, dass Altamira 2002 wieder geschlossen wurde, seitdem tobt ein Kleinkrieg zwischen Regionalregierung bzw. Tourismusindustrie und Wissenschaftlern.
Das Problem ist nicht auf Altamira beschränkt: Die Höhle von Lascaux, 1942 entdeckt, musste 1963 für Besucher geschlossen werden, weil Bakterien und Pilze überhandnahmen. 1983 erhielten die Touristen Ersatz – einen Nachbau der Höhle mit Repliken der Wandkunst –, in der Höhle kämpfen Forscher immer noch: Zwar konnten sie die alten Bakterien und Pilze vertreiben, mit mechanischer Reinigung und vielerlei Giften, aber dafür nisteten sich neue Mikroorganismen, die von den Giften leben und von Insekten verbreitet werden, die die Bakterien und Pilze beweiden; eine Gruppe um Cesareo Saiz-Jimenez (Sevilla) hat düstere Bilanz gezogen. (Microbiology, 156, S.644)
Nachdenken auch über Tutanchamun
Die gleichen Forscher werfen sich nun in Altamira ins Gefecht und plädieren – gegen starke Interessen – für das Geschlossenhalten (Science, 334, S.42). Noch nicht entschieden ist die Frage bei einem weiteren einzigartigen Erbe: Im Frühjahr wurden aus Ägypten Pläne bekannt, die Gruft Tutanchamuns zu schließen, der damalige Chef der Antikenbehörde dementierte schwach, es gäbe nur langfristige Pläne. Aber von denen hat man auch nichts mehr gehört, seit die Revolution über das Land kam.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2011)