Im präindustriellen Europa sorgte Kälte für eskalierende Gewalt in und zwischen Staaten. Für die sich erwärmende heutige Erde lässt das keine Rückschlüsse zu. Analysen der gegenwärtigen Situation sind dünn gesät.
Dass das Klima Kriege mitentscheiden kann, ist spätestens seit den Russlandfeldzügen Napoleons und Hitlers klar. Aber kann es auch Kriege initiieren? Manche sehen mit der drohenden Erwärmung auch diese Gefahr wachsen, andere verweisen auf historische Beispiele: Beim Untergang der Maya habe Dürre ebenso mitgespielt wie beim Fall Angkors. Aber das ist lange her, die Gesellschaften waren anders organisiert, und Analysen der gegenwärtigen Situation sind dünn gesät. 2009 publizierte der Ökonom Marshall Burke (Berkeley) eine Studie, derzufolge die Häufigkeit der Kriege und Bürgerkriege im Afrika südlich der Sahara seit 1981 von Jahr zu Jahr mit den Temperaturen schwankte, in warmen Zeiten floss häufiger Blut (Pnas, 106, S. 206070). Aber die Studie stieß wegen statistischer Mängel und der Begrenzung auf eine relativ kleine Region auf heftige Kritik.
Blutbäder durch El Niño?
Deshalb hat Solomon Hsiang, Ökonom in Princetown, einen breiteren Zugang gewählt: Er ging vom Klimaphänomen El Niño aus, das periodisch der Südhalbkugel Hitze und Trockenheit bringt. Dann sah er sich die Bürgerkriege an und fand in den Jahren 1950 bis 2004 in El-Niño-Jahren eine Verdoppelung des Risikos von drei auf sechs Prozent (auf der von El Niño kaum betroffenen Nordhalbkugel blieb es in ökonomisch vergleichbaren Ländern konstant bei zwei Prozent). Ein Fünftel der weltweiten Bürgerkriege sei damit im Zusammenhang, ein besonders drastisches Beispiel biete der Sudan, wo 1963 das Schlachten ausbrach, dann abebbte, 1976 wiederkam und ab 1993 eskalierte: alles El-Niño-Jahre. (Nature, 476, S. 438)
Auch dieser Befund stieß auf Skepsis – gezeigt werde allenfalls eine Korrelation, keine Kausalität –, und das Hin-und-Herschwanken El Niños sage nichts über langfristigen Klimawandel wie den heute befürchteten. Einen solchen Trend – allerdings einen der Kälte, nicht der Wärme – hat nun David Young, Geograf an der University of Hongkong, detailliert dokumentiert: den der europäische Geschichte von 1500 bis 1800. Er hat 16 Variablen erhoben – von den Getreidepreisen bis zur Körpergröße – und sie neben die Klimageschichte gestellt: Von 1500 bis 1559 war es noch relativ mild, obwohl die mittelalterliche Warmzeit schon ausklang, dann wurde es hundert Jahre lang bitter kalt – die „Kleine Eiszeit“ war am Höhepunkt –, ab 1661 kam wieder Wärme, kurz unterbrochen von Abkühlungen 1700 und 1750.
Die Gewalt zwischen und in Staaten explodierte in der ersten kalten Phase – um 41 Prozent –, an ihrem Ende waren die Kriege so endlos wie der 30jährige, die Sterblichkeit war zwölf Mal so hoch wie in warmen Zeiten. Das kam nicht unmittelbar mit der Abkühlung, sondern um Jahre zeitversetzt, aber überall nach dem gleichen Muster: Erst stiegen wegen schlechter Ernten die Getreidepreise, aus dem gleichen Grund verloren viele Menschen ihre Arbeit, dann kam der Hunger. Dieser zeigte sich auch in der Körpergröße: Im späten 16. Jahrhundert waren die Menschen um zwei Zentimeter kleiner als im frühen, sie blieben es auch bis 1650 –, die Bevölkerungen schrumpften stark. Alles zusammen führte zu sozialen Verwerfungen und Krieg: „Der klimagetriebene ökonomische Niedergang war die ultimative und direkte Ursache der großen Krisen im präindustriellen Europa“, schließt Young. (Pnas, 3. 10.)
Keie historische Parallele für Erwärmung
Halvard Buhaug, Friedensforscher in Oslo, der die beiden Wärme/Krieg-Studien kritisiert hatte, lobt Youngs Ansatz als „gute Arbeit“, vermisst aber eine Analyse der Zeit seit der Industrialisierung und Globalisierung, die regionale Probleme abfangen können. Zudem fehle eine rasche Klimawandelphase wie die gegenwärtige. „Wir haben nie erlebt, wie warm es werden müsste, um menschliche Desaster zu erzeugen“, entgegnet Zhang, der von der derzeitigen Erwärmung „nicht viel“ fürchtet (Sciencenow, 3. 10.).
Allerdings erntet Zhang auch Grundsatzkritik, von Historikern wie William Atwell (Genf), für den die Verengung von Geschichte auf Klima „schwer zu schlucken“ ist, weil sie zu viele andere Faktoren ausblende, etwa einen gewaltigen Wandel im 16. Jahrhundert, der mit Klima nichts zu tun hatte: Damals starben die Indigenen Amerikas massenhaft an Krankheiten, die die Europäer eingeschleppt hatten – das brachte den Sklavenhandel aus Afrika im großen Stil in Gang, der die Erde stärker umgestaltete als viele Schwankungen des Klimas.