Schnellauswahl

Eine, die zu viel trinkt, sich gehen lässt

Christina Maria Landerls freches Prosa-Debüt: „Verlass die Stadt“.

Hast du Margot gesehen? Kopfschütteln. Hab schon länger nichts von ihr gehört. Keine Ahnung, wo sie steckt. Aber das ist ja nichts Besonderes. Auf Margot kann man nicht setzen, die ist einmal hier und einmal da. Das muss nichts heißen. Oder doch?

„Verlass die Stadt“. Christina Maria Landerls Erstling kommt forsch daher. Der Titel ist eine Hommage an die Sängerin Gustav und ihr apokalyptisches Lied über den Untergang der Metropolen. Und auch Landerl, 1979 in Steyr geboren und ab 2007 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig ausgebildet, gibt sich skeptisch und unversöhnt: Ihr Buch bleibt rätselhaft, ein Findling in der literarischen Landschaft. Ihr Text wurde von der Jury der Jungen Verlagsmenschen zum Siegertext des Wettbewerbs „You want to read in Frankfurt?“ gekürt.

Gudrun, Peter und Max kennen einander schon länger. Margot gehört dazu – irgendwie. Denn eigentlich, so spürt man, steht sie am Rand: trinkt zu viel, lässt sich gehen, verstrickt sich in aussichtslose Liebesgeschichten, ist abwechselnd deprimiert und euphorisch. Eine, die viel riskiert. Eine, um die man Angst hat. Überhaupt jetzt, in diesem heißen Wiener Sommer, da sie Anrufe ignoriert, ihre Mailbox nicht mehr abhört, aus der Wohnung zieht und keine Adresse hinterlässt. Was also tun? Und vor allem: Muss man etwas tun? Die drei Freunde schlingern ratlos durch die Tage. Alte Verbindungen brechen auf, Neues taucht auf, ohne viel Platz zu haben. Was von diesem Früher bleibt, scheint unklar. Und auch die Zukunft macht keine großen Versprechungen.

Christina Maria Landerls Buch hält vieles offen. Der Text, ein konzentriertes und dicht gearbeitetes Stück Prosa, verweigert sich. Keine Gattungsbezeichnung, keine Gebrauchsanweisung, kein Ende, das alle Fragen löst. Stattdessen wirft uns die Autorin 52kurze Erzählsequenzen hin. Kaum eine ist länger als drei Seiten, etliche gehen nicht über ein paar Zeilen hinaus. Sie heißen „Siebensterngasse“, „Die Liebe“ oder „Im Prater“: Wegmarken durch einen Band, der sich wie ein literarisches Roadmovie liest. Landerl streift durch die Stadt, sammelt Geschichten und verliert sich in den Büchern, die Wien umkreisen. Aus einer Vielzahl ganz alltäglicher Szenen, die von Anspielungen durchsetzt sind, wachsen Bilder, die sich immer wieder auflösen.

Margot bleibt verschwunden. Ihre Freunde machen sich auf den Weg, sie zu suchen. Polizei, Krankenhäuser, Bekannte. Keine Spur. Dem Leser geht's da besser. Denn zwischendurch hört man die Stimme eines Ichs, Margots. Sie streunt durch die Straßen, mit Ingeborg Bachmanns „Malina“ unterm Arm. Den Fährten des Romans sucht sie zu folgen. Aber was tun, wenn man bemerkt, dass man das eigene Leben mit dem fremden verwechselt hat?

Christina Maria Landerl schreibt nichts fest, sie reißt die Dinge an und lässt sie stehen. Auf diese Weise entsteht ein Gefühl für den brüchigen Boden, auf dem ihre Figuren durch den Alltag stromern. Ein freches Debüt, lakonisch, respektlos, eigenwillig. Dieser heiße Sommer geht schnell vorbei. „Noch ist es nicht dunkel, aber das wird es bald sein. Ich ziehe mir eine Jacke an.“ Und weg ist sie, diese Margot. Und mit ihr die Autorin. Sieht ganz so aus, als würde sie bald wieder um die Ecke biegen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2011)