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Historische Schlachten: Krieg als Freizeitspektakel

Krieg Freizeitspektakel
(c) REUTERS (KEVIN LAMARQUE)
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Mit Feuereifer lassen Amateurhistoriker und Hobbysoldaten die Schlachten des US-Bürgerkriegs nach 150 Jahren aufleben. Die Trennlinien von einst sind nicht ganz überwunden.

Auf die militärische Organisation ist Verlass. Knapp und bellend ertönt das Kommando: „Feuer!“ Wie nach Stechuhr um halb zehn Uhr vormittags beginnt die Schlacht mit Kanonendonner und Pulverdampf. Unter Applaus von den Tribünen, orchestriert von Trommelwirbel und Fanfaren und angeführt von den Bannerträgern zieht die Artillerie aufs Feld. Aus dem Lautsprecher dröhnt knarzend eine Stimme, die die Kriegstaktik erklärt. Und aus sicherer Entfernung ruft bald einer mit der Entrüstung eines Amateurhistorikers ins Schlachtgetümmel: „Es müsste doch bereits viel mehr Tote geben!“

Auf dem Hügel haben sich die Rotröcke versammelt, mit aufgepflanztem Bajonett zum Angriff bereit. Beim Tümpel hat derweil die Kavallerie Stellung bezogen. Die Handys, die aus so mancher Wollhose baumeln, wollen nicht so recht zu den Musketen und Säbeln passen. Über dem Schlachtfeld der Pageland Farm nahe Manassas kreist ein Hubschrauber, der mit der Technologie des 21.Jahrhunderts über die Nachstellung eines Gemetzels des 19.Jahrhunderts wacht, das mit gemächlich voranschreitenden Formationen seinen Lauf nimmt.


Mason-Dixon-Line. Mögen die USA noch so sehr von politischen Querelen und ökonomischen Kalamitäten gebeutelt sein – der Bürgerkrieg findet nur auf umzäuntem Gelände als Freizeitspektakel statt. Zehntausend Zuseher, in Bussen herbeigekarrt, folgen dem Spektakel, das die erste große Schlacht des US-Bürgerkriegs rekonstruiert. Die Nordstaaten haben sie „Bull Run“ benannt, nach einem Bach, der durch die Felder und Wälder im Norden Virginias plätschert, eine Autostunde entfernt von Washington.

Durchgesetzt hat sich indes die Diktion der Konföderierten: Als erste Schlacht von Manassas ging sie in die Annalen ein. Unter General Thomas „Stonewall“ Jackson hatte ein kunterbunt zusammengewürfelter Haufen von Südstaatlern überraschend den Sieg davongetragen. „Alles war in Rauch gehüllt, aus dem Wald schlug Feuer. Verstreut lagen Arme und Beine auf dem Schlachtfeld, aus dem Schreie drangen“, schildert Historiker Edward Ayers heute das Blutbad anno 1861.

150 Jahre später sind die Spannungen zwischen Nord und Süd nicht gänzlich überwunden. Für manche kennzeichnet die „Mason-Dixon-Line“, die Grenze zwischen Pennsylvania und Maryland, die topografische Trennlinie. Immer noch entflammt die Frage nach der Ursache des Kriegs eine Kontroverse. Die Sklaverei sei nur ein Vorwand für den Ausbruch des Kriegs gewesen, in Wahrheit habe der Streit um die Rechte der Bundesstaaten die Nation entzweit, behauptet Joan Conolly aus North Carolina. Als Zaungast wohnt sie in der Kostümierung eines schwingenden Reifrocks der Inszenierung bei und fächelt sich Luft zu. „Wir bezeichnen den Krieg als die ,Aggression des Nordens‘, als ,Rebellion‘.“

1961 instrumentalisierten Gegner der Bürgerrechtsbewegung das 100-Jahr-Gedenken von Manassas als Protestveranstaltung, auf dem historischen Schlachtfeld rund um Henry Hill entlud sich die Aggression. Präsident John F. Kennedy untersagte danach die Nutzung des Nationalparks als Aufmarschgebiet für Hobbysoldaten.

Zwischen „Yankees“ und „Southerners“ lebt die Rivalität im Sportsgeist fort. „Ich bin für die Südstaatler. Das sind die Bad Guys, die Underdogs. Das reizt mich“, sagt Brian Payne. „Ich bin Amerikaner durch Geburt, aber Südstaatler durch die Gnade Gottes“, brüstet sich Joe Burgess, ein 75-jähriger Exsoldat aus Georgia, augenzwinkernd. Er steht unter dem Befehl eines ehemaligen Brigadiers, der gerade dabei ist, eine Bresche zu schlagen: „Lasst die Verletzten durch.“ Bei der Manöverkritik hinterher fragt er seine Truppe zuerst: „Habt ihr genug Wasser getrunken?“ Bei subtropischen Temperaturen von 40 Grad ist Dehydrierung die größte Gefahr, ähnlich wie im Irak und in Afghanistan – nur dass dort die Geschosse scharf sind und die Opfer reglos im Staub liegen bleiben.


Raus aus Afghanistan. Janie Edwards, eine Lehrerin aus Boston, die ihren Mann begleitet, merkt spitz an: „Wir sind mit der Zeit in der Technik des Tötens immer besser geworden.“ Als Pädagogin glaubt sie: „Wer nicht um die Geschichte weiß, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Wie zur Bekräftigung fügt ihr Mann hinzu: „Ich weiß wirklich nicht, was wir in Afghanistan noch zu suchen haben.“

Was treibt gestandene Männer dazu, mit Feuereifer Krieg zu spielen, tagelang im Freien zu kampieren und sich mit Utensilien der Ururgroßväter möglichst originalgetreu auszustatten? Der Waffenkult vermählt sich mit Militärtradition und Geschichtsbewusstsein. Unter den „Reenactors“, den Soldatendarstellern, toben sich viele Exmilitärs aus – manche haben gerade noch in Afghanistan gekämpft.

Mit Sammlerstolz präsentiert Brian Payne eine Bibel aus 1841, einen Karabiner um 800 Dollar, einen 44-mm-Remington-Revolver und zwei Originalkugeln aus jener Zeit, wie die Einkerbungen bezeugen. Der 53-jährige Banker aus Hagerstown in Maryland, der Bürgerkriegsliteratur verschlingt wie andere Hot Dogs, ist ein Geschichtsfanatiker, ein „Buff“. Er sprudelt über vor Anekdoten, Fakten, Thesen.


Hauch von Lagerfeuerromantik. Initialzündung für die Faszination des Hobbygenealogen war ein Besuch in Gettysburg: „Wie so viele war auch meine Familie zerrissen: Die väterliche Seite stammt aus dem Norden, die mütterliche aus dem Sünden.“ Payne ist allerdings mehr an „Living History“ interessiert: den Amerikanern die Zeit des Bürgerkriegs näherzubringen, dem Krieg historische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. „Damals haben Soldaten ihr Leben für unsere Freiheit geopfert.“ Selbst seine Hochzeit feierte er ganz im Stil des Bürgerkriegs. „Dabei wusste meine Frau, als ich sie kennenlernte, nicht, wer General Lee war.“

Für viele hat das Treffen mit Gleichgesinnten etwas von Lagerfeuerromantik, von Kameraderie. „Riechst du das? Das ist Schießpulver“, sagt der Politologiestudent Cody Ores über die Blauröcke, die die Kanonen stopfen. Ein Texaner schwärmt: „Du fühlst, wie das Adrenalin einschießt.“

Schlag zwölf Uhr ist Schluss mit dem Spiel auf dem Schlachtfeld. Aus den Stereoboxen erklingen zackige Militärmärsche, die müden Krieger laben sich an den Burgerständen und am Bohneneintopf. Mit schweißnassen Flanellhemden prahlen sie nach der Hitze des Gefechts von ihren Heldentaten, andere haben erschöpft schon alle viere von sich gestreckt.

George Alcox, der Captain der 10. Virginia-Kompanie, schmiedet bereits Pläne für die „Big One“, die Schlacht der Bürgerkriegsschlachten, in Gettysburg in zwei Jahren. Da werden sie wieder zusammenkommen, um über Sinn und Unsinn eines „Kriegs zwischen Cousins“ zu fachsimpeln, warum die Union ihn gewann und die Konföderierten ihn verloren, und was das alles mit der Gegenwart zu tun hat. Alcox überlegt eine Weile, bis er für sich die Lektion formuliert: „Dieser Krieg hat gezeigt, wohin es führt, wenn man keinen Kompromiss eingeht.“

BÜRGERKRIEG

1861–1865
Nach der Wahl Abraham Lincolns – eines deklarierten Gegners der Sklaverei– sagten sich zuerst South Carolina und danach eine Reihe weiterer Südstaaten von der Union los. Sie bildeten den Bund der Konföderierten. In ihrer Diktion ist der Krieg eine „Aggression“ und „Rebellion“.

Der agrarisch geprägte Süden wollte einer Abschaffung der Sklaverei zuvorkommen und pochte auf das Selbstbestimmungsrecht der Bundesstaaten.

600.000
Soldaten fielen dem Bürgerkrieg (Sezessionskrieg) zum Opfer, der sich über vier Jahre hinzog – und damit viel länger, als der industrialisierte und waffenstarrende Norden ursprünglich dachte.

Die erste große Schlacht in Manassas entschied der Süden für sich, zwei Jahre später brachte indes die Schlacht von Gettysburg die Vorentscheidung zugunsten des Nordens. Nach dem Krieg löste Lincoln sein Versprechen des Endes der Sklaverei ein – neun Tage später war er tot, erschossen vom Südstaatenanhänger John Wilkes Booth während einer Theateraufführung in Washington.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2011)