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"Es ist wie im Wilden Westen, wo mehr oder weniger alles erlaubt ist"

Hans Weiss seziert in seinem jüngsten Buch die Schönheitsindustrie – und findet ziemlich Hässliches. Sein Fazit: Der gesamte Bereich muss dringend geregelt werden.

Sie beschreiben insgesamt 75 Methoden, von denen Ihrer Meinung nach einige verboten gehörten. Welche?

Fett-weg–Spritzen sollten verboten werden. In Frankreich geschah das im Frühjahr dieses Jahres, dann gab es einen Einspruch von Herstellern und Ärzten. Bei uns gibt es dazu eine klare Stellungnahme der Österreichischen Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie (ÖGPARC), dass der Nutzen dieser Spritzen sehr fragwürdig und das Risiko hoch ist. Verbieten sollte man auch Fadenliftings. Dabei werden Fäden mit Widerhaken unter die Hautoberfläche geschoben, mit denen man hängendes Gewebe rafft. Langfristig verheerend, in den USA verboten, bei uns nach wie vor erlaubt. Verbieten sollte man auch G-Punkt-Aufspritzungen. Das wird angepriesen als eine Methode, um die sexuelle Lust zu steigern, hält aber nur ganz kurz und ist mit einem ziemlichen Risiko verbunden. Oder der neueste Schrei, dass man sich Grübchen in die Wange einoperieren lässt. Viele Frauen lassen sich auch die Zehen aufspritzen, um den Druck hochhackiger Schuhe abzufedern. Gruselig. Reine Geschäftemacherei. Die Ethik wird da oft völlig ausgeklammert.

 

Warum gibt es für das in der Beauty-Industrie verwendete Füllmaterial in Europa keine Zulassungsverfahren?

Bei uns sind über 200 Materialien auf dem Markt, in den USA nur 20. Sie gelten als Medizinprodukte, im Unterschied zu Arzneimitteln, für die es ein Zulassungsverfahren gibt und ausgiebige Tests über Nutzen und Risken. Unterspritzungsmaterialien müssen nur registriert werden. Jede Frau, die sich so etwas machen lässt, ist ein Versuchskaninchen. Nach und nach gibt es jetzt Berichte über Nebenwirkungen.

Wieso ist dieses Thema bei den Behörden so ein blinder Fleck? Gesundheitsminister Alois Stöger will jetzt wenigstens Schönheitsoperationen bei unter 18-Jährigen verbieten lassen.

Staat und die Ärztekammer halten sich da fast völlig heraus. Es sind Wunschoperationen, eine Dienstleistung. Von den Krankenkassen wird aus rein kosmetischen Gründen auch kaum etwas bezahlt. Es fängt schon damit an, dass der Begriff „Schönheitschirurg“ nicht geschützt ist.

Das darf jeder Mediziner?

Jeder darf sich so nennen. Sie müssen nur Mediziner sein, dann können Sie sich außen an die Tür ein Schild „Schönheitsmediziner“ hängen – und schon geht das Geschäft los. Und da geht es um viel Geld, mit ganz merkwürdigen Geschäftspraktiken. Sie müssen in der Regel den ganzen Betrag vorher bezahlen. Wenn irgendwas schiefgeht, haben Sie keine Sanktionsmöglichkeit. Sie haben Probleme, einen Kostenersatz oder eine kostenlose Nachoperation zu bekommen. Dazu kommt, dass Sie einen Behandlungsvertrag und einen Aufklärungsbogen unterschreiben, aber meist nicht einmal eine Kopie davon erhalten. Das ist sozusagen ein Blankoscheck. Wenn es Probleme gibt, kann der Arzt theoretisch nachträglich Dinge einfügen, weil der Patient keinen Beleg hat, was er unterschrieben hat. Ich habe viele derartige Fälle gesehen.

 

Gibt es Untersuchungen über Langzeitfolgen?

Anfang dieses Jahres wurde eine Studie über Fettabsaugungen veröffentlicht, die einiges Aufsehen verursacht hat. Das ist eine wirksame Methode, führt aber offenbar dazu, dass innerhalb eines Jahres das Volumen des Fetts, das abgesaugt wurde, an anderen Körperstellen wieder zugelegt werden kann. Fettabsaugen wird seit 20 Jahren gemacht. Es gab aber nie Studien darüber. So ist es bei fast allen Verfahren. Es gibt keine langfristigen Untersuchen über Wirkung oder Nutzen. Und auch keine medizinischen Leitlinien, wie in anderen Bereichen. In der Schönheitsmedizin fehlt so etwas komplett, da kann jeder machen, was er will. In Österreich gibt es zwar seit Kurzem auch offiziell solche Leitlinien von der ÖGPÄRC. Aber ich habe mir die angeschaut, die sind vollkommen unbrauchbar.

 

Hat man sich bisher darauf verlassen, dass es den Betroffenen peinlich ist, bei Problemen an die Öffentlichkeit zu gehen?

Genau, das tut ja niemand. Außerdem bekommen Sie bei einer Schönheitsoperation keine Garantie, dass das Ergebnis ästhetisch befriedigend ist oder dem entspricht, was Sie wollen. Sie bekommen nur eine Garantie, dass es fachgerecht gemacht wurde. Wenn Sie vor Gericht gehen, zieht sich so eine Klage in der Regel jahrelang. Der Arzt hat kein Interesse, dass so etwas publik wird, die Betroffenen haben auch kein Interesse daran, viele schämen sich einfach. Diese Verfahren enden daher oft mit einem Vergleich, in dem die Patienten verpflichtet werden, über alles zu schweigen. Daher entsteht in der Öffentlichkeit der Eindruck, dass da so selten etwas passiert, dass es vernachlässigbar ist.

Warum werden dann ausgerechnet Schönheitschirurgen solche Medienstars?

Es gibt oft eine Komplizenschaft zwischen Medien und der Schönheitsmedizin. Das ist für alle Beteiligten sehr lukrativ. Ein Sender bringt so etwas gern, weil es ein modernes Märchen ist. Das hässliche Entlein wird zu einer Prinzessin. Das bringt Quote. Dem Mediziner hingegen bringt es neue Kundinnen. Und die Betroffenen haben auch etwas davon, weil die OPs in der Regel billiger oder gar kostenlos gemacht werden. Es wird der Eindruck erweckt, alles ist machbar in der heutigen Zeit. Egal, wie sehr die Natur dich benachteiligt hat, die Medizin sagt: Wenn du Geld hast, können wir das alles ändern. Wir machen dich schön. Manche Leute, vor allem aus den mittleren und unteren sozialen Schichten, sparen jahrelang auf so eine Operation. Denn ein größerer Eingriff kostet so an die 10.000 bis 20.000 Euro. Es gibt ja auch schon viele Modelle „Schönheit auf Raten“.

Nachdem der Wunsch nach Schönheit legitim ist und immer mehr Leute Eingriffe vornehmen lassen, was könnte man denn tun, um diese Industrie sicherer zu machen?

Man sollte verbieten, dass jeder Arzt alles machen kann. Es sollte ein Zulassungsverfahren für schönheitsmedizinische Methoden und für alle Materialien geben, die in diesem Bereich verwendet werden. Bei Botox, zum Beispiel, gab es so ein Verfahren. Jeder Patient sollte verpflichtend eine Kopie von allem erhalten, was er unterschreibt. Es sollte möglicherweise verpflichtend sein, eine Rechtsschutzversicherung abzuschließen. Ich würde das auf jeden Fall jedem raten, der so einen Eingriff plant. Denn wenn etwas schiefgeht, haben Sie sonst kaum eine Chance, zu Ihrem Recht zu kommen.

Sind Schönheitsoperationen in Österreich besonders liberal geregelt oder besonders streng?

Nein, das ist in ganz Europa ein Bereich wie im Wilden Westen, wo mehr oder weniger alles erlaubt ist. In den USA ist das etwas anderes. Dort sinkt interessanterweise seit zwei oder drei Jahren auch die Zahl der schönheitschirurgischen Eingriffe. Möglicherweise gibt es aber eine Verlagerung zu den „sanften“ Methoden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2011)

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