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München: Flughafenchaos im Theater

(c) Bayerisches Staatsschauspiel
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Helmut Kraussers Auftragswerk „Eyafjallajökull-Tam-Tam“, das am Sonntag im Marstall des Bayerischen Staatsschauspiels Premiere hatte, gerät zur unübersichtlichen Party mit dem neuen Ensemble des Residenztheaters.

In München haben manche Theaterfreunde darüber gemurrt, dass mit der neuen Intendanz von Martin Kušej im Residenztheater ein Großteil des Ensembles ausgetauscht worden ist. Viele bekannte Gesichter der langen Ära von Dieter Dorn sind nun weg, so viele neue werden soeben präsentiert. Wer wird sich all die Namen merken? Am vierten Abend der neuen Saison gab es nun die zweite Uraufführung, und bei der wurde das Problem auf einen Schlag gelöst: Warum nicht ein Stück mit dem ganzen Ensemble, für alle und keinen?
Der Schriftsteller Helmut Krausser hat ein Auftragswerk abgegeben, Robert Lehniger führt Regie: „Eyjafjallajökull-Tam-Tam“ heißt das Kunstwerk, das am Sonntag im Marstall des Bayerischen Staatsschauspiels Premiere hatte, wo einst die Rösser in der Residenz bayerischer Herrscher wiehernd flatulierten. Das mit dem isländischen Vulkan, der 2010 für Tage den europäischen Flugverkehr lahmlegte, ist die dünne Folie, das mit dem Tamtam im Titel stimmt genau. Die eineinhalb Stunden wurden vor allem dazu genutzt, 55 Schauspieler vorzustellen. Im Drama kommen auch fiktive Mimen vor, die soeben ihre Premiere bei einem neuen Intendanten versäumen. Und ein fiktiver Autor mit einem Auftragswerk, der dessen Sinn verrät: Er braucht das Geld.
Der Marstall ist in eine Flughafenhalle umgebaut worden (Bühne: Alain Rappaport). Schon nach dem Einlass eine halbe Stunde vor Spielbeginn mischen sich Schauspieler, zum Teil wohl unerkannt, in einer Lounge unter das Publikum. Auch der Hausherr lässt sich blicken. Er trägt die dunkle Uniform eines modischen Theatermachers (Kostüme: Irene IP und Eva Martin). Munter wird weiter die vierte Wand eingerissen. „Sie können ruhig mitspielen“, empfiehlt eine Dame vom Theater, „müssen aber nicht.“
Was hat Krausser vorgegeben? In der Halle richten sich Dutzende Fluggäste auf einen längeren Aufenthalt ein. Das Flugpersonal versucht, die Ordnung aufrechtzuerhalten, was nicht gelingt. Man erfährt Fragmente von Schicksalen, erlebt Aggression, Freundschaft, Geilheit, Gefühlskälte – das alles aber nur zufällig und in kleinen Ausschnitten.

Mattes als Nonne, Moretti als Taxifahrer

Denn es gibt eben keine Grenze zwischen Beobachtern und Schauspielern, die sich auf viele Räume verteilen. Dutzende Monitore zeigen zusätzliche Sequenzen. Die Darsteller, die zeitgleich im Cuvilliés-Theater oder im Haupthaus spielen, werden mit Aufzeichnungen zugeschaltet – man sieht auf dem Bildschirm Mattes als Nonne, Moretti als Taxifahrer, Minichmayr als Kassiererin, Canonica als Dame. Und weiß doch, dass sie eben in anderen Vorstellungen sind. Die anderen aber bemühen sich, Kraussers Einfall individuell umzusetzen. Das Gebotene hat die Intimität einer seltsamen Premierenfeier. Andrea Wenzel, die am Vorabend im Residenztheater bei LaBute zu sehen war, eilt vorbei, Thomas Grässle, vielleicht sogar Sophie von Kessel. Auf der Leinwand? Auf kleinen Monitoren? Real? Die Grenzen verschwimmen.

Brennt München? Nein, es macht Party!

Irgendwann vor halb zehn kommt das Gerücht auf, dass jemand abgestochen worden ist. Zuvor hat in der Bar ein Wütender Stühle zerschlagen. Ein blutverschmierter Mann wird in die Abflughalle getragen, neben ein Lagerfeuer gelegt, wie das in billigen Terminals heute eben so üblich ist. Rußverschmierte Gestalten sinken nieder. Brennt München? Nein, es macht Party. Auf einer der Matten, die für Wartende bereitgestellt wurde, liegt eine Taschenbuchausgabe von Freuds „Traumdeutung“. Drinnen steckt ein Billett aus Venedig von 1985. Sicher hat das Krausser hier abgelegt. Oder Kušej. Vielleicht ist es sogar der Schlüssel für das Stück. In diesem Buch hat alles, was aus dem Unbewussten drängt, tiefere Bedeutung. Pferdeschwänze, Vulkanausbrüche, Mobiltelefone – lauter Zipfel. Oder auch nicht. Freud würde hier wohl raten: Assoziieren, Buberl. Dann geht es Ihnen bald besser.