Die Schriftstellerin Oksana Sabuschko erklärt, warum sie den Prozess gegen Expremier Julia Timoschenko als "Show" wertet - und warum sie als unabhängige Intellektuelle gerne in dem postsowjetischen Land lebt.
Kiew/Wien. „Julia im Gefängnis – Ruhe für das Land!“: Die Gleichung, die so bündig die Lösung der politischen Probleme der Ukraine verspricht, prangt auf den Transparenten der Gegner der früheren ukrainischen Ministerpräsidentin, die für die Politikerin eine „gerechte Strafe“ fordern. Getrennt durch einen Polizeikordon demonstriert Timoschenkos Vaterlands-Partei im Zeltlager nebenan für die Freilassung ihrer Anführerin.
Die halbleeren Camps vor dem Kiewer Gerichtsgebäude werden sich wieder mit Unterstützern füllen, wenn am heutigen Dienstag das Urteil im Prozess gegen Julia Timoschenko erwartet wird. Als Premierministerin habe sie ihre Vollmachten überschritten und einen für die Ukraine ungünstigen Gasliefervertrag mit Russland ausgehandelt, so der Staatsanwalt. Das beantragte Strafmaß: sieben Jahre Haft.
Als „Show“ betrachtet die ukrainische Literatin und Publizistin Oksana Sabuschko den Prozess – und die Schreiduelle vor dem Gerichtssaal. Kein politischer Prozess sei es gewesen, der da in einem beengten Zimmer in dem Gerichtsgebäude im Bezirk Petschersk geführt wurde, sondern „ums Geschäft“ sei es immer gegangen. Sabuschko gilt als eine der profiliertesten Literaten im Land. Sie selbst bezeichnet sich – nach kurzem Überlegen – als „lästige Personifizierung der unabhängigen intellektuellen Elite, von der die Herrschenden nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen“.
Mit ihren „Feldstudien über ukrainischen Sex“, das im Jahr 1996 in der Ukraine und zehn Jahre später im Grazer Droschl-Verlag in deutscher Sprache erschien, wurde sie auch hierzulande einem breiteren Publikum bekannt. Ihr neues Buch, ein sprachgewaltiger Familienroman über das ukrainische 20. Jahrhundert, trägt den Titel „Museum der vergessenen Geheimnisse“ (2010).
Alarmismus nicht angebracht
Mangelnde Pressefreiheit, (Selbst-)Zensur – Sabuschko bittet westliche Journalisten darum, nicht zu übertreiben, wenn es um die Lage der ukrainischen Intellektuellen gehe. Die Beziehung der Regierenden zu einer unabhängigen Intellektuellen wie ihr erläutert sie mit einer Anekdote: Leonid Krawtschuk, erster Präsident der unabhängigen Ukraine, soll nach der Urlaubslektüre ihres „Museums“ erklärt haben, nun müsse er sich erholen von der Information, die er Frau Sabuschkos Buch entnommen habe. „Eine elegante Art, keine Stellung zu nehmen, und gleichzeitig zu zeigen, wie kultiviert man ist“, sagt Sabuschko.
Die Ukraine sei ein „junges Land, eine unreife Demokratie und Nation“. „Alle Prozesse, mit denen auch die alten Demokratien zu kämpfen haben, sind bei uns viel rauer und zynischer.“ Andererseits: eine perfekte Spielwiese für Schriftsteller. Und so findet auch Sabuschko, dass es eigentlich ein Privileg sei, als Ukrainerin geboren worden zu sein. „Da kann man sich nur über die Kürze des menschlichen Lebens beschweren.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2011)