Menschen sind edel, hilfreich und gut – zumindest wenn sie sich beobachtet fühlen. Bei Autisten funktioniert das allerdings nicht. Sie bemerken weder die Feinheiten noch das ganze soziale Spiel.
Dass der Gott der Christen auch schlicht als Auge dargestellt wird, hat einen profanen Grund: Er sieht alles, so wie Big Brother in „1984“ alles hörte, und so wie die Herren des heutigen Alltags, Facebook, Google & Co., alles in ihren Datenbanken horten: Information ist das Schmiermittel des Sozialen und das Machtmittel schlechthin, nicht nur in der menschlichen Gesellschaft, auch schon in der Natur und tief im Meer: Wenn ein Putzerfisch einen Klienten putzt und sieht, dass ihm ein weiterer potenzieller Klient dabei zusieht, dann putzt er gut; ist kein Zuseher in der Gegend, dann putzt er schlecht und holt nicht nur Parasiten aus der Haut des Wirts, sondern auch Haut selbst.
Vor TV-Kameras spenden auch Geizhälse
So halten wir es auch: Information ist nicht nur Akkumulation von Wissen beim Informierten, sie ändert auch das Verhalten derer, über die informiert werden soll: Die können die Information verweigern oder unkenntlich machen – Bankräuber und Ballbesucher tarnen sich gerne mit Masken, das bringt den Zusatzvorteil, dass niemand sieht, wohin sie gerade schauen –, sie können die Information aber auch steuern, indem sie ihr Verhalten ändern: Der größte Geizhals, der sonst nichts zu verschenken hat, spendet üppig, wenn TV-Kameras bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung auf ihn gehalten werden, es bringt Umwegrentabilität via Reputation.
Das Auge auf der Kaffeekasse
Nicht nur den Schönen und Reichen: Wir alle werden edel, hilfreich und gut, geben Bettlern, helfen Blinden über die Straße, wenn wir uns beobachtet wissen: Es wird sich herumsprechen und Ernte einfahren, wenn wir selbst einmal Hilfe brauchen. Das erklärt zum Teil den Altruismus, der scheinbar gegen die ökonomische und evolutionsbiologische Vernunft handelt, und es kommt auch in Gang, wenn Beobachter nur als Symbole da sind: An der University of Newcastle füllte sich die Kaffeekasse erst, als die Schachtel mit einem Auge verziert war; und nicht nur der Christengott sieht alles, auch die Totempfähle der Indianer mit ihren vielen Augen hüten den sozialen Frieden bzw. seine Normen, Manfred Milinsky (MPI Evolutionsbiologie, Plön) hat darauf hingewiesen.
Er forscht seit Jahren gemeinsam mit der Ökonomin Bettina Rockenbach (Köln) an den Feinheiten der Informationsmachtspiele und nun haben die beiden einmal mehr in spieltheoretischen Experimenten – in denen es um Kooperation und echtes Geld ging – gezeigt, dass man es sich etwas kosten lässt, Information über andere zu erlangen und das eigene Verhalten zu verbergen, wenn dieses gerade nicht so fein ist, gute Taten hingegen stellt man gerne aus.
Rätselhaftes „altruistisches Bestrafen“
Aber es ist komplizierter, auch manche gute Tat hält man lieber verborgen. Es gibt in den Kooperationsspielen Varianten, in denen man Trittbrettfahrer zur Raison bringen kann, man kann sie bestrafen, dann verlieren sie Geld, man selbst tut es auch. Dieses „altruistische Bestrafen“ wird gerne verborgen, und das ist um so rätselhafter, als es die eigene Reputation in den Augen anderer gar nicht beeinflusst. Auch das haben Rockenbach und Milinsky nun gezeigt (Pnas, 10. 10.), sie vermuten begründet, dass es in der realen sozialen Welt außerhalb des Labors noch viel komplizierter zugeht.
Aber nicht bei allen. Es gibt auch Menschen, die weder die Feinheiten noch das ganze soziale Spiel bemerken und/oder sich davon beeinflussen lassen: Autisten sind blind für die Blicke anderer, zumindest wieder in einem Labor, dem von Keise Izuma (CalTech): Er hat Probanden an PCs vor Situationen gestellt, in denen sie für wohltätige Zwecke spenden konnten. Dabei waren sie entweder allein im Raum, oder ein ihnen Unbekannter saß hinter ihnen: Der hob bei Nichtautisten die Spendenbereitschaft stark, bei Autisten überhaupt nicht, in Kontrollexperimenten mit beliebigen Aufgaben hingegen zeigte sich keine Differenz. „Der Befund weist dahin, dass Menschen mit Autismus die Fähigkeit fehlt, zu berücksichtigen, was andere über sie denken“, schließen die Forscher: „Und er unterstützt die Hypothese, dass es spezielle neurale Systeme für den Umgang mit den Effekten sozialer Reputation gibt.“