Neidlos unglücklich in Nordkorea

(c) REUTERS (KCNA)
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Das Grauen der Diktatur Kim Jong-ils ist kaum in Worte zu fassen. Einem exzellenten Buch gelingt das.

Was wissen Sie eigentlich über Nordkorea? Vermutlich ähnlich wenig wie ich, und das speist sich aus den spärlichen Informationen, die uns aus der letzten stalinistischen Diktatur der Welt erreichen. Atombombe, irrer Diktator, Kinder, die verhungern oder Gras essen. All das ist so unbeschreiblich furchtbar, dass es auf paradoxe Weise beruhigend wirkt. Was Kim Jong-il und seine Handlanger verbrechen, ist derart schlimm, dass es ins Irreale kippt. Von den hungernden Kindern am Horn von Afrika gibt es Fernsehbilder. Aber wie schaut es bei den Nordkoreanern tatsächlich aus – abseits der vom staatlichen Propagandaapparat inszenierten Reisen für ausgewählte Westler?

Barbara Demick, Journalistin und langjährige Ostasien-Korrespondentin der „Los Angeles Times“, ist dieser Frage nachgegangen und hat mehrere Jahre lang mit einer Handvoll nordkoreanischer Flüchtlinge gesprochen. Anhand dieser Erzählungen hat sie das Porträt einer Gesellschaft gezeichnet, für die das Wort Totalitarismus beinahe eine Untertreibung ist. „Die Kinogänger von Chongjin: Eine nordkoreanische Liebesgeschichte“ (Droemer, 2010) ist der etwas kitschige deutsche Titel von Remicks Buch, der englische Titel „Nothing to envy: Real Lives in North Korea“ (Granta) trifft das Wesen dieses wichtigen Werks viel besser.

Ich weiß nicht, was ich bei seiner Lektüre am schlimmsten fand: die Studenten der Uni in Pjöngjang, die mit ihrem eigenen Blut einen „freiwilligen“ Schwur zum Eintritt in die Armee unterzeichnen mussten? Die wöchentliche Pflicht für jeden Haushalt, einen Kübel Kot zwecks Düngerherstellung zu liefern? Oder einfach nur der allgegenwärtige Hungertod? Keine leichte Lektüre, gewiss. Aber eine immens wichtige.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2011)

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