Siebzig Gemälde des Kolumbianers Fernando Botero enthüllen subversive Botschaften erst auf den zweiten Blick – und die Konsequenz eines Unbeirrbaren, der Mythen seiner Heimat kritisch beleuchtete.
Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa, dieser Tage in Wien zu Gast, hätte bei der Ausstellungseröffnung für Fernando Botero sprechen sollen. Doch Botero, heißt es, winkte ab, weil Vargas Llosa seine Figuren als feist bezeichnet haben soll. Zum Ausgleich schrieb der Peruaner dem Kolumbianer eine feine Laudatio für den Katalog, in der er speziell die Korpulenz lobte: Schönheit und Schlankheit seien bloß im Westen beliebt, in vielen anderen Ländern „erzeugt Magerkeit Abscheu oder Schrecken, denn sie wird mit Hunger und Krankheit in Verbindung gebracht“, so Vargas Llosa.
Gleichviel, es wäre einfach lächerlich, das Voluminöse von Boteros Figuren zu leugnen, es ist ein Markenzeichen, beförderte wohl auch seinen Ruf, in Wahrheit ein „Primitiver“ zu sein. Die feste Formsprache, die Botero, der 2012 seinen 80.Geburtstag feiert, seit Jahrzehnten pflegt, sichert dem geschäftstüchtigen Künstler, der Ateliers an vielen wichtigen Kunst-und Kunstkäuferplätzen (New York, Paris, Monaco, Toskana) hat, seine Position auf dem Kunstmarkt: Botero hat einen klaren Wiedererkennungseffekt.
Verschwundene Gefangene
Aber es wäre ungerecht, ihn darauf zu reduzieren. Dass er seine Motive (Kirche, Stierkampf, Volksszenen) ebenfalls über Jahrzehnte kaum veränderte, hat damit zu tun, dass es eben die essenziellen Themen Lateinamerikas bzw. der iberischen Hemisphäre sind. 70Gemälde zeigt das Kunstforum der Bank Austria, aus allen bekannten Bereichen, aber auch darüber hinaus. Eine Sonderstellung nehmen in der Schau die viel diskutierten Bilder aus dem US-Foltergefängnis Abu Ghraib ein: Menschen in Fesseln, mit verbundenen Augen, von bissigen Hunden bedroht, mit Knüppeln geschlagen. Eine allzu billige Reaktion eines Künstlers auf Tagesaktualität? Nein, man glaubt aufs Wort, dass dieses Ereignis Botero ins Herz gefahren ist: Menschen, die in Gefängnissen verschwinden, nie wieder auftauchen, Folter, Militärdiktaturen sind ein wichtiger Teil lateinamerikanischer Geschichte und Gegenwart. Dass seine zweite Heimat, die angeblich zivilisierten USA, sich dergleichen Methoden bedienen, hat den Künstler schockiert.
Die Ausstellung im Kunstforum besticht vor allem durch klare, übersichtliche Gliederung, wodurch die Botschaften in Boteros Kunst deutlich zum Ausdruck kommen: die Reminiszenzen an alte und moderne Meister: Eine Infantin nach Velazquez; ein Stillleben mit Mandoline nach Picasso; Manets „Frühstück im Grünen“, welches einst Skandal erregte, wird bei Botero zum Kartenspiel im grün gestrichenen Wirtshaus, nur den Kiebitz hinterm Vorhang scheint die unverhüllte Dame zu entsetzen. Die Priester wirken mehrdeutig, einer schielt, ein „Priester-Seminar“ posiert mit Katze, mit starrem Blick schauen die Geistlichen den Betrachter an, in einer Mischung aus autoritärer Strenge und Bigotterie. Einen ungewohnt mokanten Ausdruck hat auch „Nuestra Señora de Colombia“ mit Schönheitspflästerchen, die ihrem Jesuskind eine grüne Kirsche reicht. Dem riesigen „Nuntius“ spendet ein winziger Sakristan mit Schirm Schatten. Man denkt an die Mohren als Kandelaber-Träger. Der „Ecce Homo“ – ein bekanntes, sehr dramatisches Motiv – wirkt eher gelassen-verdrießlich in seinem rosafarbenen Schurz. Die kirchlichen Motive haben eine ironische Note. Ähnliches trifft auf die weltlichen Würdenträger zu: „First Lady“ und Präsident, beide zu Pferde, vermitteln die machtvolle Selbstgewissheit ihrer Stellung, noch mehr der „Englische Botschafter“, ein Monolith. Aber es wäre auch verkehrt, Botero nur auf die Ironie festzulegen. Am lebendigsten sind die Volksszenen: Im Haus der Marta Pintuco, vermutlich einem Bordell, spielt ein Baby zwischen Flaschen, Zigaretten, während eine leicht bekleidete Dame ein Anwerbegespräch mit einem Kunden führt. Eine Witwe beweint ihre Verlassenheit mit drei Kindern, Schneiderinnen werken mit trübseliger Miene vor sich hin.
Das Land wird heimgesucht von Natur- und anderen Katastrophen: „Erdbeben“ zeigt ein Dorf in Schräglage. „20.15-h-Massaker“ Menschen, die sich (nach einem Guerilla-Angriff?) im Blut wälzen.
Frohsinn mit Stillleben
Botero gilt als Stierkampf-Fan, seine Gemälde zu diesem umstrittenen Brauchtum sind alles andere als euphemistisch: Der Tod reitet auf einem mächtigen Stier, unter dessen Hufen der tote Torero Ramón Torres liegt, ein anderer Kämpfer wurde mit dem Horn durchbohrt, Blut sieht man nicht, aber der Stier scheint zu lächeln.
Ungetrübt sind in dieser Schau nur die pflanzlichen und kulinarischen Motive: Üppige Bananenpalmen-Haine, fette Torten – und eine riesige gelbe Birne, aus der sich ein Wurm schlängelt. Man muss nicht den klugen und sehr interessanten Katalog lesen, um diese Bilder zu begreifen, sie entfalten ihre Wirkung ganz spontan.
Das Kunstforum zeigt nach Frida Kahlo einen weiteren bekannten Künstler aus Mittel- bzw. Südamerika. Das Institut selbst ist, wie Direktorin Ingried Brugger bei der Ausstellungseröffnung am Dienstag erklärte, mindestens die nächsten fünf Jahre abgesichert. Es gibt viele Financiers, Sponsoren, außer der Bank Austria die Signa-Holding, Schoellerbank, Visa etc.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2011)