Etwa 96.000 Tonnen unverdorbene Lebensmittel werden in Österreich jährlich weggeworfen. Die Bäcker wollen deshalb sogar die Preise erhöhen. Besonders stark sind die Bäcker von der Wegwerfmentalität betroffen.
Wien. 300 Euro landen pro Haushalt jährlich im Müll – wenn auch nicht direkt in Form von Papiergeld oder Münzen. Doch so hoch ist der Wert unverdorbener Lebensmittel, die in Österreich jedes Jahr weggeschmissen werden. Zum Welternährungstag am kommenden Sonntag machen die Arge Bäuerinnen, der Verein für Konsumenteninformation (vki) und die soziale Einrichtung „Wiener Tafel“ auf das Problem mit neuen Zahlen aufmerksam.
Insgesamt 96.000 Tonnen genießbare Lebensmittel werden demnach jedes Jahr in Österreich weggeschmissen. Anna Höllerer, Vorsitzende der Arge Bäuerinnen, will deshalb nicht nur an das Bewusstsein der Konsumenten appellieren – „verwenden Sie einen Einkaufszettel“ –, sondern auch an den Handel. Immerhin wird ein Großteil wegen Überproduktion, falscher Etikettierung oder neuer Verpackungsdesigns vernichtet.
Franz Floss, Geschäftsführer vom vki, spricht von einer paradoxen Situation bei den drei großen Handelsketten Rewe, Spar und Hofer. „Einerseits propagieren sie Nachhaltigkeit mit eigenen Labels, was ja positiv ist, weil es den Wert der Lebensmittel betont. Andererseits führen sie einen Preiskampf, der dazu führt, dass zu viel eingekauft wird.“ Demnach seien 40 Prozent der Lebensmittel zu Aktionspreisen (vorwiegend „Nimm 3, zahl 2“-Aktionen) zu haben. Eine Lösung sieht Floss lediglich in der Aufklärung der Konsumenten. „Nur so kann sich die Nachfrage ändern, von Verboten oder gar eigenen Steuern halte ich nichts“, sagt er in Anspielung auf die soeben in Dänemark eingeführte Fettsteuer.
Brot und Semmeln werden teurer
Besonders stark sind die Bäcker von dieser Wegwerfmentalität betroffen. Laut dem Institut für Abfallwirtschaft der Boku Wien werden in Österreich jährlich rund 427.000 Tonnen Backwaren produziert. 63.000 Tonnen davon landen im Müll. „Die Konsumenten erwarten sich auch kurz vor Ladenschluss noch gefüllte Regale und reichlich Auswahl an Brot, Gebäck und Süßwaren“, sagt Josef Schrott, Innungsmeister der Wiener Bäcker, zur „Presse.“ Wer das nicht bietet, riskiert einen hohen Kundenverlust. Das ist mit ein Grund, warum die Wiener Bäcker eine Preiserhöhung planen.
Ein weiterer Grund für die großen Mengen an Retourware ist die Zusammenarbeit der Bäckerbetriebe mit Supermärkten auf Kommissionsbasis. Die Bäckereien bekommen nur jene Mengen abgegolten, die auch tatsächlich verkauft werden. Und sie sind für die (teure) Entsorgung zuständig. Das passiert entweder in der Mülltonne, in der Biogasanlage oder in Form von Futterverwertung.
Einen anderen Ansatz verfolgen hingegen soziale Einrichtungen wie etwa die „Wiener Tafel“, die dafür sorgt, dass jene genießbaren Lebensmittel, die ansonsten im Müll landen würden, an Bedürftige weitergeleitet werden. Täglich werden somit drei Tonnen Lebensmittel von 220 ehrenamtlichen Mitarbeitern an rund 10.000 Armutsbetroffene verteilt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2011)