Stress lass nach: Europas Banken brauchen schon wieder Milliarden

Symbolbild
Symbolbild(c) APA / Pfarrhofer
  • Drucken

Die nächste Banken-Rekapitalisierungsrunde werden die Euroländer nutzen müssen, um ihre Finanzinstitutionen krisenresistenter zu machen. Von „Stresstests“ lassen sich Steuerzahler nicht mehr so leicht beruhigen.

Derzeit läuft gerade ein verschärfter Banken-Stresstest. Bestehen werden diesen jene Institute, die nach Abzug eines „Stressszenarios“ (einschließlich der voraussichtlichen Abschreibungen auf europäische Staatsanleihen) noch eine Quote an „hartem“ Kernkapital von sieben Prozent vorweisen können.
Bei der Faschingsveranstaltung, die im vergangenen Sommer „Banken-Stresstest“ genannt worden war, hatten noch alle bestanden, die nach dem „Stress“ noch fünf Prozent Kernkapital vorwiesen. Und zwar ohne Berücksichtigung möglicher Abschreibungen auf Euro-Anleihen. Denn dass etwa Griechenland pleitegehen könnte, war damals ja ganz offensichtlich noch nicht bekannt – jedenfalls Notenbankern und Aufsichtsbehörden nicht.
Eine der besten Banken damals (mit einer Kernkapitalquote von 10,4 Prozent im Nach-Stressszenario) war übrigens die belgische Dexia. Ja, genau die, die jetzt gerade zum zweiten Mal seit 2008 notverstaatlicht werden muss. So viel zum Zusammenhang zwischen Kernkapitalquote und Pleiteresistenz. Die viel gerühmte „harte“ Kernkapitalquote von sieben Prozent bedeutet in der Praxis, dass sieben Prozent der von der Bank eingegangenen Risken (etwa vergebene Kredite) durch verfügbare eigene Mittel (etwa Kapitalrücklagen und Einlagen der Aktionäre) gedeckt sind. Und 93 Prozent eben nicht.
Das ist in normalen Zeiten absolut ausreichend. Aber leider nicht, wenn es in der Finanzwelt kracht. Da sind dann sieben Prozent Kapitalquote besser als fünf, aber der Unterschied zwischen den beiden ist dann, wie es ein österreichischer Topbanker in kleinem Kreis neulich süffisant ausdrückte, „drei Stunden“. Soll heißen: Die mit sieben Prozent kapitalisierte Bank ist im Falle eines „Meltdown“ statt wie andere schon zu Mittag eben erst um drei am Nachmittag pleite.
Die Kernkapitalquote ist also, wie das Beispiel Dexia zeigt, kein wirklicher Schutz gegen Probleme. Aber natürlich ist eine Bank umso stabiler, je höher diese Quote ist. Die Schweiz wird sich etwas dabei gedacht haben, als sie ihren Großbanken eine Kernkapitalquote von 19 Prozent vorschrieb, wovon an die zehn Prozent auf „hartes“ Kernkapital zu entfallen haben.
Man hat von dort übrigens auch noch kein großes Gejammer gehört, dass mit so hohen Kapitalquoten Kredite für die mittelständische Wirtschaft nicht mehr möglich seien. Die so stabilisierten Banken müssen sich nur ihre Kreditnehmer genauer anschauen. Was, wenn man sich die Bilanzen so ansieht, ja nicht wirklich ein großer Schaden wäre.

Wie auch immer: Der jetzt verschärfte Stresstest dient dazu, festzustellen, welche Bank für die kommenden Winterstürme auf den Finanzmärkten mit Kapital aufgepäppelt werden muss. Das werden wegen der etwas realistischeren Annahmen viel mehr sein als im vergangenen Sommer.
Sie werden sich jetzt nach Kapital umschauen müssen. Entweder auf dem (derzeit reichlich ausgetrockneten) Markt. Oder beim Staat. Die Euroländer rechnen jedenfalls damit, dass sie einen dreistelligen Milliardenbetrag für eine neue Bankenrekapitalisierungsrunde werden aufbringen müssen.
Und sie werden diesmal hoffentlich (anders als beim letzten Mal) dafür sorgen, dass sie nicht nur Geld herausrücken, sondern auch Druck auf die nötige Restrukturierung der Branche machen.
Da kann man sich ruhig ein Beispiel an der Schweiz nehmen: Die hat ihrer UBS 2008 mit umgerechnet 44 Mrd. Euro unter die Arme gegriffen. Nicht ganz uneigennützig, denn die Bilanzsumme der Großbank entspricht einem Mehrfachen des Schweizer BIPs – eine Insolvenz hieße also wohl Staatsbankrott. Geholfen wurde freilich nicht mit stimmrechtslosem Partizipationskapital, sondern in Form einer vorübergehenden direkten Beteiligung (also de facto durch eine Teilverstaatlichung). Und sie hat ihren Großbanken sehr ambitionierte Kapitalvorschriften gemacht – eben die 19 Prozent Eigenkapitalquote –, die in relativ kurzer Zeit erfüllt werden müssen. In nächster Zeit wird also ein nicht geringer Teil der Gewinne zur Eigenkapitalstärkung im Unternehmen bleiben müssen.
Wenn die nächste Rekapitalisierungsrunde hierzulande kommt – und sie wird kommen – dann wird hoffentlich auch hier geklotzt: Kapital gegen direkte Beteiligung, realitätsnähere Bilanzierung, Verwendung allfälliger echter Gewinne ausschließlich zur Kapitalstärkung, schrittweise Reduktion des derzeit viel zu hohen Ostrisikos.
Das ist alles möglich, wenn man nur will. Und es wird dem Sektor entgegen aller Unkenrufe nicht schaden, sondern ihn stabiler machen. Denn irgendwann werden die Steuerzahler in ganz Europa genug davon haben, das halblustige Treiben der Finanzwirtschaft alle paar Jahre mit Milliarden zwangsfinanzieren zu müssen.


E-Mails: josef.urschitz@diepresse.com

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.