Es blühen die Neurosen im Schauspielhaus

Symbolbild
(c) Clemens Fabry

Das Stück "Körpergewicht.17 %" des innovativen, oberösterreichischen Dramatikers Ewald Palmetshofer mit Katja Jung im Wiener Schauspielhaus ist eine Art Fingerübung, kurz, allerdings nicht wirklich gut.

Ewald Palmetshofer war einer der innovativsten Dramatiker, die das Wiener Schauspielhaus gefördert hat. Mit Stücken wie „hamlet ist tot. keine schwerkraft“ oder „faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete“ schuf er eine neue Sprache, welche die Erfindungen experimenteller Vorfahren wie Elfriede Jelinek, Werner Schwab weiterspinnt. Palmetshofer ist keiner dieser wellmade Edelboulevardiers, die effektvoll schräge Konstellationen zimmern, sondern ein echter Dichter, der aus seinen Studien der Theologie, Philosophie, Psychologie die Inspiration für eine klare moralische Position mitgenommen hat.
Inzwischen hat der Oberösterreicher Karriere gemacht, seine Stücke werden in Deutschland gespielt, sein Stil hat sich aber wenig verändert – und wirkt schon etwas verbraucht. In „Körpergewicht.17 %“, seit Donnerstagabend im Schauspielhaus-Nachbarhaus, einer zweiten Spielstätte, zu sehen, geht es um einen Manager, der seinen Job verloren hat, und um eine alte Frau, zwei Verlierer also. Felicitas Brucker hat den „Monolog in zwei Stimmen“ inszeniert – mit der einzigen Darstellerin, Katja Jung, die souverän den Text deklamiert.

Neurotiker in Kisten sind stark in Mode

Dieser ist durchaus auch abgründig komisch in seiner Zelebrierung der Ticks der beiden Figuren, die sich über alles erregen: von lärmenden Kindern bis zu darbenden Indern. Ein Psychiater hätte seine helle Freude an den Störungen, die hier zutage treten – auf der winzigen Bühne (Michael Zerz): Sie ist umgrenzt von Sperrholz-Wänden, an die kaputte Bälle genagelt sind, vielleicht ein Symbol dafür, dass die seelische Elastizität der Figuren gelitten hat, nicht verwunderlich: Es gibt keinen Platz, aber ständig Lärm, einer klebt am anderen, da muss man ja verrückt werden.
Der Manager flüchtet nach Indien, wo ihm allerhand Zumutungen auflauern, darunter der Verlust von 17 Prozent seines Körpergewichts, darauf bezieht sich der Titel des Stücks. Die alte Frau verfolgt die Aura von Kindern. Sogar im Kaffeehaus, das sie sich ausgesucht hat, weil es immer leer ist, belästigen sie die Kids. Die Message des Stückes ist klar: Das Leben in der Moderne ist entsetzlich. Noch entsetzlicher aber ist es in einem Land, in dem sich einerseits eine Mittelschicht mit unbändigem Aufstiegswillen entwickelt, andererseits eine Masse von Elenden dahinvegetiert, z. B. in Indien. Keine Frage, alles wahr und erschütternd, aber nicht sehr, weil man Predigten dieser Art dauernd hört. Im Übrigen: Das Theater sollte bei Neurotikern in Kisten eine längere Pause einlegen. bp