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Beratung: Gewaltiger Nachholbedarf

Symbolbild
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Um Opfern von Gewalt und Missbrauch zu helfen, braucht es entsprechende Kompetenzen. Nicht nur Therapeuten, auch Berater und andere Berufsgruppen werden mit dem Thema konfrontiert. Wie man dazulernen kann.

Spektakuläre Fälle von Gewalt oder sexuellem Missbrauch gab es in den letzten Jahren zuhauf – man denke nur an den Fall Fritzl oder jene in der katholischen Kirche. Diese Beispiele stellen die Speerspitze der an die Öffentlichkeit dringenden Verbrechen dar, doch auch in kleinerem Rahmen werden immer mehr Delikte bekannt.

Experten sind rar

Kompetenzen im Umgang mit diesen Problemfeldern sind gefragt. Denn explizit dafür ausgebildete Profis sind (noch) sehr rar. Das Thema wurde in der Fülle von Spezialisierungen bisher kaum behandelt, da man die Zahl der Hilfesuchenden als nicht so groß bemaß. Das ändert sich derzeit.
Der an der Gamed (Wiener Internationale Akademie für Ganzheitsmedizin) angebotene Lehrgang „Qualifikation in Sexualberatung, Gewaltprävention, Genderkompetenz“ unter der Leitung von Rotraud Perner greift das Thema auf und vermittelt in sechs Semestern Beratungstechniken, Theorien und Methoden rund um Sexualität und Gewalt. Das Hauptaugenmerk richtet der Lehrgang auf Prävention und Intervention bei Gewalt, insbesondere gegen Kinder, Frauen und Minderheiten sowie bei Mobbing, Stalking und Internetpornografie. „Es ist eine psychotherapienahe Ausbildung, aber eben keine Psychotherapie. Wir bilden Leute für hoch qualifizierte Beratung aus, die geschult werden, um sexuelle Konflikte und Gewalt rechtzeitig zu erkennen und entsprechend darauf reagieren zu können“, erklärt Perner. Das behandelte Gewaltspektrum sei durchaus breit. „Der alltägliche Umgang mit Gewalt fängt bereits dort an, wo man auf der Straße angepöbelt wird“, sagt Perner. Der Abschluss des Lehrgangs, in den man noch einsteigen kann, berechtigt für das Gewerbe des Lebens- und Sozialberaters. Er richtet sich primär an Angehörige von Bildungs-, Gesundheits- und Sozialberufen.

Gewappnet für alle Fälle

Einen durch Medienberichte suggerierten starken Anstieg von Missbrauchsfällen beobachtet Lebens- und Sozialberater und Sexualpädagoge Dieter Schmutzer aktuell nicht. Allerdings sieht er als Folge der intensiven Berichterstattung eine starke Veränderung dahingehend, dass Betroffene nun vermehrt darüber sprechen. „Da die Vorkommnisse immer mehr öffentlich zur Sprache kommen, bricht dieses Thema an allen Ecken und Enden auf“, sagt Schmutzer. Diese Entwicklung hat Konsequenzen für das Personal in unterschiedlichen Beratungseinrichtungen. Da kann das Thema auch schon einmal in der Arbeitslosenberatung auftauchen. „In einer psychisch so belastenden Phase wie der Langzeitarbeitslosigkeit kommen oft sehr persönliche Dinge zum Vorschein. So kann passieren, dass Frauen plötzlich beginnen, von ihren Gewalterfahrungen zu berichten“, so Schmutzer. Ein ab Herbst 2012 neu angebotener dreimoduliger Kurzlehrgang „Grenzverletzungen – Gewalt – Missbrauch“ an der Pro-Mente-Akademie soll Berater für derartige Situationen rüsten. „Es sollte den Beratern ein gewisses Maß an professionellen Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen“, so Schmutzer, der den Lehrgang leiten wird.

Wahrnehmung schulen

Kurzseminare zum richtigen Umgang mit (sexueller) Gewalt gegen Frauen und Kinder bietet der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser. Sie können individuell auf verschiedene Berufsgruppen wie Mediziner, Journalisten, Juristen oder Polizisten zugeschnitten und gestaltet werden. Der Verein initiierte  auch die Ringvorlesung „Eine von fünf“, bei der ab 25. November (Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen) an der Medizinischen Universität Wien zwei Wochen lang unterschiedliche Facetten zum Thema Gewalt gegen Frauen behandelt werden.
Für eine kontinuierliche präventive Gewaltvorbeugung vor allem im schulischen Umfeld tritt Rainer Schmidbauer, Leiter des Studiengangs „Sucht- und Gewaltprävention“, ein. Das Angebot in Oberösterreich wird als dreijähriger Masterstudiengang und zweijähriger Hochschullehrgang in Kooperation von vier Bildungseinrichtungen, unter anderem der Fachhochschule Oberösterreich und der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich, angeboten. Es sollen Schlüsselpersonen wie Lehrer, Polizisten, Jugendarbeiter oder Angehörige von Beratungseinrichtungen ausgebildet werden, um in ihrem Umfeld präventive Arbeit zu leisten. „Früher war es oft so, dass einmal pro Jahr ein Spezialist in die Schule gekommen ist, der einen Tag lang über Drogen berichtete. Am nächsten Tag hatten die Schüler das meiste schon wieder vergessen. Wir wollen Lehrer so weiterbilden, dass sie das Thema kontinuierlich behandeln können“, sagt Schmidbauer. Sucht und Gewalt stehen in sehr engem Zusammenhang, sind doch beide das Ergebnis nicht oder falsch verarbeiteter Gefühle.

Umgang mit Traumata

Sind die Straftaten so schwer, dass es bei den Betroffenen zu Traumatisierungen kommt, stoßen herkömmliche Beratungsmethoden bald an ihre Grenzen. Beim Trauma verlieren die Betroffenen gänzlich die Kontrolle über die Auswirkungen der ihnen zugestoßenen Gewalt. „Da ist in der Sozialen Arbeit oft das Scheitern programmiert, weil nur ganz wenige Leute eine Ausbildung in dem Bereich haben“, sagt Michaela Halper, Leiterin des Traumapädagogikzentrums in Stainz (Stmk). Im dort angebotenen berufsbegleitenden Diplomlehrgang „Qualifikation Traumapädagogik und Traumazentrierte Fachberatung“ erwerben die Teilnehmer die Fähigkeit, Kinder und junge Erwachsene traumapädagogisch zu begleiten und Behandlungskonzepte zu erstellen. In sechs Modulen, aufgeteilt auf zwei Jahre, lernen sie theoretische Grundlagen und Methoden der Traumapädagogik und der Psychotraumatologie. Zielgruppe sind Personen aus dem Gesundheits- oder Sozialbereich.

Sicheres Wissen

Wie reagieren, wenn bei Coaching oder Elternsprechtag plötzlich eine Gewalterfahrung zutage kommt? Wenn in der Therapie Traumata verarbeitet werden sollen, die im Lehrplan nicht vorkamen? Da Betroffene immer öfter Hilfe suchen, ist Expertise für Berater und Therapeuten zunehmend gefragt. Aber auch für Journalisten oder Polizisten gibt es Angebote, um in Theorie und Praxis den richtigen Ton zu treffen.

www.gamed.or.at, www.aoef.at
www.promenteakademie.at
www.fh-ooe.at
www.traumapaedagogik.at
www.bildungsmanagement.ac.at

Ringvorlesung „Eine von fünf“, ab 25. 11., www.meduniwien.ac.at