Anti-Stress-Übungen gegen Bankenstresstests und ratlose Politikerphysiognomien.
Es ist etwas faul. Nicht nur mancher Kredit (jene von Lesern ausgenommen). Finanzinstitute, Volkswirtschaften gar, sind zumindest morsch. Vom Crash bedroht, so wir die Zeichen an der Wand richtig deuten. An der Wand war vor drei Jahren ein Inselstaat, den die meisten nur beim Überfliegen des Atlantiks wahrnehmen. Island hat jene Krise hinter sich, die manche in Europa vor sich haben könnten. Und wie sieht es heute in Island aus? Die Sonne geht im Winter noch immer nicht auf. Die Gletscher sind nicht geschmolzen, die heißen Quellen nicht versiegt. Island lebt. Bis Sonntag zeigen die Autoren der Insel bei der Frankfurter Buchmesse, dass es auch und erst recht ein Leben nach dem Tod gibt. Kein Land weist eine so hohe Dichte an Autoren und Bücherlesern auf. Noch nie gab es so viele Konzerte junger Bands wie heute, versichern Isländer. Auch sonst konzentriert man sich auf seine früheren Stärken. Fischfang statt Aktienjagd heißt nun die Devise.
Was wir hier, weitab vom Meer, umgeben von Bergen und Zwergen, lernen können? Zunächst einmal, sich in das Isländische einzuüben. Besuchen Sie unerschrocken den soeben in Kinos angelaufenen Teil zwei von „Wickie und die starken Männer“ – setzen Sie die 3-D-Brille auf und Sie sind schon Viertel-Isländer. Schreiben Sie auf Ihre Wunschliste für Weihnachten ausschließlich isländische Literatur. Für den Beginn reichen deutsche Übersetzungen. Überraschen Sie Ihre von Mittelmeerurlauben verweichlichte Familie mit einem Sommer(?)-Urlaub auf Island. Besinnen wir uns unserer Stärken. Bauen wir Wein an. Oder kaufen wir Wein (Rohstoffe behalten in Krisen immer ihren Wert). Und erinnern wir uns alten Liedgutes. Noch nichts gehört von „O du lieber Augustin“?
E-Mails an: dietmar.neuwirth@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2011)