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Werte wie damals

Jeffrey Eugenides' Roman „Die Liebeshandlung“ kommt wie eine Literaturvorlesung daher und offenbart das Leben und Leiden einer Studentin aus der amerikanischen Mittelschicht. Ein Buch über Bücher. Nicht des Professors beste Leistung.

Nein, „Die Liebeshandlung“, „der lang erwartete neue Roman von Jeffrey Eugenides“, um den Verlag zu zitieren, handelt nicht – und erst recht nicht von der Liebe. Das Buch spricht. Von Büchern. Über Bücher. Es zitiert aus Büchern ungewöhnlich lange Passagen und referiert darüber, was diese zu bedeuten haben. Mit diesem Buch betritt der Leser einen Seminarraum, und wenn er unglücklicherweise selbst Literaturwissenschaft, Philosophie oder ähnlich exotische Wissenschaften studiert hat, und das möglicherweise auch noch Anfang der 1980er-Jahre, dann schallt ihm ein Echo entgegen, das er in- und auswendig kennt.

Jeffrey Eugenides, der Autor des kleinen, großartigen, ebenso geheimnisvollen wie die US-Mittelschicht entblößenden Romans „Die Selbstmordschwestern“, der gefeierte Pulitzerpreisträger von „Middlesex“, hat ei- nen dicken, geschwätzigen Roman aus dem Studienbetrieb geschrieben, dessen Umfang sich negativ proportional zu Figuren und Geschehen verhält.

Romane aus dem Collegemilieu sind ein beliebtes Sujet der amerikanischen Literatur. Jenseits des Gemeinplatzes hat das Thema bemerkenswerte Ergebnisse hervorgebracht, auch in jüngerer Zeit. Die besten unter ihnen, „Ehrensachen“ (Matters of Honor, 2007) von Louis Begley etwa und vor allem Nick McDonells „Ein hoher Preis“ (An expensive Education, 2009), verweben ihre Protagonisten in wirtschaftliche Zusammenhänge und politische Machenschaften, sie erzählen vom Strudel der Verhältnisse, in denen der Einzelne in gesellschaftlichen Zwängen, Intrigen und global aufgeplusterten eigendynamischen Prozessen versinkt, deren Matrix perfiderweise doch immer dem Interesse eines anderen Einzelnen entspringt: ein Kampf jeder gegen jeden. Demgegenüber nimmt sich Eugenides' „Liebeshandlung“ geradezu naiv aus, als versuche er, die gewaltsam operierenden Interessen der Gegenwart durch die sanfte Stimme der Literatur zu läutern.

Laut Pressetext geht es Jeffrey Eugenides um „Spielarten der Liebe – die romantische, erotische, platonische Liebe, die Nächstenliebe“. Ohne Zweifel erzeugt der Originaltitel, „The Marriage Plot“, der auf einen Tropus in der (viktorianischen) Literatur verweist, eine andere Erwartung als der deutsche Titel. Er besagt, dass es in erster Linie um das Schreiben über die Liebe geht. Der „marriage plot“ ist ein (literaturwissenschaftlicher) Begriff, der die Rituale und Verwicklungen des Werbens zwischen Mann und Frau beschreibt. Im englischen Roman des 18. und 19. Jahrhunderts wurde der „marriage plot“ mit dem Aufkommen des bürgerlichen Romans zum Inbegriff der literarischen Unterhaltung. Samuel Richardson, Jane Austen und die Schwestern Brontë stehen dafür. „In jenen Zeiten“, belehrt uns Eugenides, dessen Roman mitunter einer Seminararbeit seiner Hauptfigur Madeleine nicht unähnlich ist, „als der Erfolg im Leben von der Heirat, die Heirat aber wiederum vom Geld abhing, stand den Romanciers ein Stoff zur Verfügung, über den sie schreiben konnten. Die großen Heldenlieder besangen den Krieg, der Roman besang die Ehe.“ Dass diese durch die angloamerikanische Perspektive eingeschränkte Romanproduktion kaum das Pars pro Toto einer Epoche ist, steht hier nicht zur Debatte, wohl aber, dass Eugenides dieser Stoff nun nicht mehr zur Verfügung steht, und wie er dies beklagt.

Eugenides' Geschichte beginnt damit, was seine Hauptfigur Madeleine so alles gelesen hat und liest, was ihre Eltern lesen, und wo überhaupt all diese Quellen der Unterhaltung und Erbauung angesiedelt sind. „Zunächst einmal, schauen Sie sich all die Bücher an“, fordert der erste Satz des Romans und verweist auf Madeleines Regale: Edith Wharton, Henry James, George Eliot, Jane Austen – und John Updike. Es sind Romane, die Madeleine immer schon leidenschaftlich gern las und „jetzt als inhaltlichen Beleg für ihre literaturwissenschaftliche Jahresarbeit über die Liebeshandlung und den marriage plot im viktorianischen Roman benutzte“. Im Zeitalter der elektronischen Kommunikation, das den literarischen Roman zur Nische erklärt und längst vergessen hat, dass er einmal als Inbegriff bürgerlicher Unterhaltung galt, ist Madeleine eine Lesesüchtige geblieben.

Wir begegnen Madeleine am Morgen ihrer Graduierung. Sie hat einen Kater, weil sie am Vorabend zu viel getrunken hat, und steckt zudem in einem Schlamassel. Diese Verstrickung, eine Mischung aus Trotzhandlung und altersgemäßer Handhabung der gegebenen Verhältnisse, bildet den Beginn der wirklichen Parallele zu dem, was sie in der Literatur so schätzt: Liebesverwicklungen. Madeleine hat mit irgendeinem Kommilitonen die Hälfte der Nacht verbracht – wie, ist sie sich nicht so ganz sicher –, obwohlsie in einen anderen verliebt ist, von dem sie sich aber gerade getrennt hat. Sie erwartet zudem ihre Eltern zur Graduierungsfeier, was die Unbehaglichkeit ihrer Lage noch verstärkt. Denn Madeleine ist ein Mädchen aus gutem Haus. Dieser Umstand führt in der Romanwirklichkeit direkt zu jenem Thema, das dem Roman an sich laut Eugenides (leider) nicht mehr zur Verfügung steht: dem „marriage plot“.

Die Verhältnisse, aus denen Madeleine stammt, sind zwar nicht direkt die alteingesessener Wasps mit dynastischem Stammbaum – aber ihre Eltern wären es gerne. So gebärden sie sich standesbewusst bis zur Lächerlichkeit. Madeleine hat finanziell keine Sorgen und sehr verständnisvolle Eltern. Ihre ältere Schwester ist bereits unter der Haube. Und da Madeleine mit ihrer Graduierung dem Eintritt ins Erwachsenenleben endgültig naherückt, wird die Verhaftung der Familie in ihre Standesrituale aktiviert, die notwendig sind, um den mühsam erworbenen Status ihres kleinen Clans zu erhalten. Madeleines Eltern haben ein extremes Interesse daran, dass ihre Tochter die „richtige“ eheliche Verbindung eingeht. Diese Fixierung auf die Ehe macht den Roman aus europäischer Sicht zu einem Dokument grotesk amerikanischer Wertvorstellungen, in denen vor allem die „richtige“ Religionszugehörigkeit, Hautfarbe, Herkunft,Erziehung und gesellschaftliche Stellung ein Amalgam bilden.

Madeleines Familienidyll mit Mama, Papa, Schwester, Schwager, Neffe, Cabriolet und Tennisschläger tilgt in seinem schlichten Arrangement nicht nur 1968, die Frauenbewegung und ihre Folgen, sondern die gesamte außerhalb der saturierten Verhältnisse der amerikanischen Ostküste existierende Wirklichkeit. Wie in jedem guten „marriage plot“, über den Madeleine sich in ihrer zukünftigen theoretischen Arbeit auszulassen gedenkt, dürfen weitere Verwicklungen aber nicht fehlen, denn auch hier ist der Weg das Ziel. Und so stellt Eugenides alle erforderlichen Ingredienzien für einen echten „marriage plot“ bereit. Da ist zum einen ihr Studienkollege Mitchell Gramaticus, „genau der Typ des klugen, vernünftigen, Eltern entzückenden jungen Mannes, in den Madeleine sich verlieben und den sie heiraten sollte“. Bevor der zweite Kandidat, ebenfalls Student am selben College, der Madeleine trotz oder wegen seiner manisch-depressiven Gestimmtheit gefährlich nahe kommt, vorgestellt wird, muss der Leser allerdings noch einige Seiten Theorie zum „marriage plot“ im Besonderen und zum amerikanischen Curriculum der 1980er-Jahre im Allgemeinen verdauen. Diese an Referate denken machenden Ausführungen sind nicht nur ärgerlich, weil sie akademisch, lehrerhaft und geistlos sind, weder die Handlung vorantreiben noch die Personen charakterisieren und auch nicht als mit der Haupthandlung verwobene Metaebene angelegt sind. Sie sind es auch deswegen, weil sie falsch sind. So wird, auf die französische Schule der Zeichentheorie verweisend, Semiotik (Peirce) mit Semiologie (de Saussure)verwechselt, und ein Diskursanalytiker (und Poststrukturalist) wie Foucault, der in der Tat in den Achtzigern in den USA zur Kultfigur avancierte, kurz und bündig mit Maurice Blanchot in einen Topf geworfen.

Damit nicht genug, wohnt der Leser, sofern er nicht einfach genervt weiterblättert, seitenlangen Seminarsitzungen bei, in denendiskutiert wird, „wie man über etwas schreiben soll“. Endlich lernt der Leser Leonard kennen. Leonard scheint intelligent, selbstbewusst und inspiriert, weniger unsicher als Mitchell. Er studiert Biologie und besucht aus reinem Interesse ab und zu literaturwissenschaftliche Seminare. In diesen Mann verliebt sich Madeleine in ihrem letzten Collegejahr, von ihm trennt sie sich kurz vor ihrer Graduierung, und aus Wut lässt sie sich in der Nacht davor mit Mitchell ein, der von ihr nicht geliebt wird, aber in sie verliebt ist.

Der Roman springt zeitlich zurück, erzählt in Rückblenden, bis er wieder in der Gegenwart ankommt und wir Zeugen werden, dass sich Madeleine mit dem sich in einer psychiatrischen Klinik befindenden Leonard versöhnt. Ungefähr zur selben erzählten Zeit erfahren wir, dass Madeleine noch einen weiteren Grund hat, sich an den viktorianischen Roman zu halten. „Wie wunderbar war es doch, wenn ein Satz logisch auf den anderen folgte! Was für ein exquisites Schuldgefühl bei der Sünde, sich an Geschichten zu erfreuen! Mit einem Roman aus dem 19. Jahrhundert fühlte Madeleine sich in Sicherheit. Es würde Menschen darin geben. Etwas würde ihnen widerfahren in einer Welt, die unserer ähnlich war.“

Der viktorianische Roman also wird vom Autor als Schutzschild seiner Hauptfigur gegen die Theorien der Dekonstruktion ins Feld geführt. Und, wie man am Ende weiß, wird das Wunder gelingen, auch wenn der „marriage plot“ in der Wirklichkeit – jener, der sich auf Madeleine selbst bezieht und nicht auf die Literatur – zunächst einmal eine unsaubere Verbindung mit der Dekonstruktion eingeht, hier dargestellt durch die manisch-depressiven Phasen Leonards, die jeglichen Zusammenhang, alle Identität undKongruenz zerstören. Während Mitchell, derelterliche Favorit, mit einem gemeinsamen Freund zur Grand Tour um die Welt aufbricht, zieht Madeleine mit dem Geliebten zusammen, der sich nach seinem Aufenthalt in der Psychiatrie selbst therapiert. In einer manischen Phase macht er ihr einen Heiratsantrag. Sie willigt ein, erkennt aber bald, dass es die Wirklichkeit, in der sie zu leben dachte, nicht gibt.

Madeleine hat immerhin Glück im Unglück. Ihre Welt setzt sich wieder zusammen, als der Unruhestifter sie verlässt. Einer zweiten Ehe entkommt sie dank Mitchells Einsicht, der ein letztes Mal die Literatur als Lehen der Wirklichkeit bemüht: „Unter den Büchern war da irgendein Roman, in dem die Heldin den Falschen heiratet und es dann merkt, und dann taucht der andere Bewerber auf, aber am Ende erkennt der zweite Bewerber, dass wieder zu heiraten das Letzte ist, was die Frau braucht, dass sie Wichtigeres mit ihrem Leben anzufangen hat.“ Madeleine verneint, worauf Mitchell sie fragt, ob ihr das dennoch als wünschenswerter Schluss erschiene, und sie bejaht. Sie wird sich erneut ihren Studien zur viktorianischen Literatur widmen. „Die Gleichberechtigung, gut für die Frauen, war schlecht für den Roman.“ Dieses vom Autor selbst geäußerte Fazit gilt auch für „Die Liebeshandlung“. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2011)