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„Schändliche Tradition“: Die verheirateten Kinder von Äthiopien

Kein Einzelschicksal verheirateten Kinder
(c) AP
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Weltweit wird jedes dritte Mädchen als Minderjährige zur Heirat mit einem meist älteren Mann gezwungen, weil es die Tradition gebietet. Zu Besuch bei früheren Kinderbräuten in Äthiopien.

Über Nacht war ihre Kindheit zu Ende. Mit elf Jahren musste Ayelech Endashaw das Haus ihrer Familie verlassen und ins Ungewisse ziehen. Ihre Eltern hatten das Mädchen einem älteren Mann versprochen, und dieses Versprechen sollte nun eingelöst werden. Mit elf Jahren wurde Ayelech Endashaw verheiratet.

In ihrem bunt bemalten Lehmhaus ist es finster geworden. Ayelech zündet eine kleine Kerosinlampe an, setzt sich auf den mit frisch geschnittenem Gras ausgelegten Lehmboden und facht das Feuer im kleinen Tonofen an, um Kaffee zu kochen. Über Korer, ein winziges Dorf in Äthiopiens Hochland knappe 300 Kilometer nördlich der Hauptstadt Addis Abeba, hat sich die Dunkelheit gelegt. Mit gedämpfter Stimme erzählt die heute 28-jährige Frau weiter. „Mir ist es damals schlecht gegangen“, sagt sie, „ich habe gelitten.“

Die elfjährige Ayelech wollte ihr Schicksal aber nicht akzeptieren. Sie lief davon, weg von dem ihr zugewiesenen Ehemann, weg von der Arbeit im Haus und am Feld, zurück zu ihren Eltern. „Meine Eltern sagten, ich sei ungehorsam, weil ich geweint habe. Sie wollten mich zu ihm zurückschicken.“

Doch das Mädchen setzte schließlich doch ihren Kopf durch. Sie erkämpfte sich weitere sechs Jahre bei ihrer Familie, bevor sie dann, mit 17 Jahren, erneut zu einer Heirat gezwungen wurde. Auch dieser Mann war wesentlich älter als sie selbst. Ein zweites Mal konnte sie ihren Eltern nicht widersprechen, sie fügte sich. Und als das erste Kind unterwegs war, gab es kein Zurück mehr. „Da habe ich dann meine Situation akzeptiert.“

Kein Einzelschicksal. In Ayelechs Haus haben sich einige Frauen aus dem Dorf versammelt. Sie reichen ein Tablett mit Kaffeebechern durch die Runde. Ihre Gesichter sind in Dunkelheit gehüllt, und da beginnen sie zu erzählen. Sie alle wurden als Kinder an ältere Männer verheiratet; keine einzige Frau in der Runde durfte Zeitpunkt oder Bräutigam frei wählen. Yemaldu etwa musste mit sieben zu einer ihr fremden Familie ziehen und sich bei Haus- und Feldarbeit bewähren. Mit 13 war sie dann erwachsen genug, den Sohn des Hauses zu heiraten. Das erste Kind ließ nicht lange auf sich warten.

Für beide Frauen steht fest: Das, was sie als Kinder ertragen mussten, wollen sie ihren eigenen Töchtern nicht antun. Ihre Mädchen sollten zuerst die Schule abschließen und dann selbst entscheiden, wen sie heiraten wollen, sagt Ayelech Endashaw. „Ich habe so eine frühe Heirat durchmachen müssen, ich habe Erfahrung damit. Deswegen kämpfe ich dagegen an“, sagt Ayelech.

Taugt das Mädchen? 49 Prozent der äthiopischen Frauen, die heute zwischen 20 und 24 Jahren alt sind, wurden als Kinder zur Heirat gezwungen. Meist sind die von ihren Familien vorgesehenen Ehemänner wesentlich älter. Und oft müssen die Kinderbräute schon als kleine Mädchen ins Haus der Schwiegereltern ziehen und – so wie in Yemaldus Fall – hart arbeiten. So prüft die „Schwiegerfamilie“, ob das Kind als Ehefrau taugt, erzieht es und bereitet es auf künftige Aufgaben vor.

In manchen Gebieten Äthiopiens wird auch der brachiale „Brautraub“ praktiziert: Ein Mann lauert einem Mädchen auf – meist auf dem Weg zur Schule, beim Holzsammeln oder Wasserholen –, vergewaltigt und entführt es. Dann holt er sich bei den Eltern des Mädchens die Zustimmung zur Heirat. Diese haben keine andere Wahl, als den Vergewaltiger ihrer Tochter als Ehemann zu akzeptieren.
Es ist eine alte Tradition, der Mutter und Vater folgen, und die – bis vor Kurzem – nie hinterfragt worden ist. Obwohl eine Mutter aus eigener Erfahrung genau weiß, was ihrer halbwüchsigen Tochter wahrscheinlich bevorsteht, wenn sie mit einem älteren Mann verheiratet wird, hält sie sich dennoch an die soziale Norm.

Der soziale Druck ist übermächtig. „In der patriarchalischen Gesellschaft Äthiopiens haben Traditionen tiefe historische Wurzeln, und sie werden seit Generationen praktiziert“, meint Haile Gabriel Dagne von der Universität Addis Abeba in einer im Vorjahr vom UN-Kinderhilfswerk Unicef publizierten Studie über Zwangsheirat. Oft sei der soziale Druck zu groß, um sich dem zu widersetzen, was schon die Vorväter für gut befanden haben.

Respekt und Status innerhalb einer Gesellschaft seien an die Durchführung von „schändlichen Traditionen“ gebunden, meint Professor Dagne. Unter diesem Begriff der „harmful traditions“ fasst Äthiopiens Regierung alle Praktiken zusammen, die seit Generationen gang und gäbe sind – und gegen Kinder- oder Menschenrechtskonventionen verstoßen.

Ein nationales Komitee zur Bekämpfung dieser Traditionen hat eine Liste an Praktiken erstellt, die beseitigt werden sollen: Neben der Kinderheirat werden weibliche Genitalverstümmelung, das Zahlen von Brautpreis, bestimmte Geburtspraktiken, Tests zur Überprüfung der Jungfräulichkeit oder ein Verbot für den Verzehr bestimmter Lebensmittel während der Schwangerschaft angeführt – insgesamt gleich 88 verschiedene Praktiken.

Unabhängig von der Religion. „Die Menschen machen das nicht, weil sie ihren Töchtern Böses wollen. Sie haben sich nur nie gefragt, warum sie diesen Traditionen folgen“, meint Almaz Böhm. Die gebürtige Äthiopierin leitet die von ihrem Mann, dem früheren Schauspieler Karlheinz Böhm, gegründete Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“, die vehement gegen frühe Heirat und die Beschneidung von Frauen ankämpft und Aufklärungskampagnen durchführt.

„Diese Praktiken sind nicht auf eine bestimmte Religionsgruppe beschränkt, sie kommen unabhängig von der Religion vor“, sagt Böhm. Ob sich eine Familie zu den orthodoxen Christen (sie machen mehr als 40 Prozent der über 88 Millionen Äthiopier aus), Muslimen (33 Prozent), Protestanten (18 Prozent) oder Naturreligionen (2,6 Prozent) zählt, ist kein Kriterium. Kinderheirat, aber auch weibliche Genitalverstümmelung wird quer durch alle Konfessionen praktiziert.

(c) Die Presse / HR

Vielmehr kommt es darauf an, wo man wohnt und wie gebildet man ist: Mädchen auf dem Land werden häufiger früh verheiratet als Stadtkinder. Je weniger Schulbildung die Mitglieder einer Familie haben, desto eher werden sie ihre Tochter außer Haus haben wollen. Wirtschaftliche Not ist jedenfalls ein ausschlaggebender Faktor.
Laut Unicef sind weltweit 35 Prozent der heute 20- bis 24-jährigen Frauen in Entwicklungsländern schon vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet worden. Dieser Trend ändert sich zwar, allerdings sehr langsam: Von den heute 40- bis 49-Jährigen in Entwicklungsländern wurden noch 48 Prozent zur frühen Heirat gezwungen. Besonders hohe Raten gibt es vor allem in Ländern des südlichen Afrikas sowie in Indien, Bangladesch und Nepal, aber auch in südamerikanischen Staaten (siehe Grafik).

In Äthiopien begannen Hilfsorganisationen Anfang der 2000er-Jahre, in den Dörfern das Thema anzusprechen; „Menschen für Menschen“ war eine der ersten NGOs, die dieses Tabuthema anrührten. In der Folge begannen die Dorfbewohner über ihre Traditionen zu diskutieren und sie infrage zu stellen. „Verbote bringen da aber gar nichts“, sagt Almaz Böhm. Die Leute müssten selbst dahinterkommen, dass lang praktizierte Rituale eigentlich schädlich seien, und sie müssten eine Änderung auch wirklich wollen. Aufklärung sei der einzige Weg, mit Kinderheirat Schluss zu machen.
Die äthiopische Regierung hat, wie viele Länder weltweit, das gesetzliche Mindestalter zur Heirat zwar mit 18 Jahren festgelegt. Exekutiert – oder eben nicht exekutiert – werden diese Gesetze aber vor Ort in den Dörfern.

Gesundheitliche Schäden. Die Auswirkungen der so frühen Heirat auf die Mädchen sind überall auf der Welt gleich: keine Möglichkeit, die Schule abzuschließen; kein Mitbestimmungsrecht im Haushalt; zu frühe Schwangerschaften und Geburten, die oft zu schweren gesundheitlichen Schäden führen. Bei Frauen, die jünger als 15 sind, ist zudem das Risiko, bei der Geburt zu sterben, fünfmal höher als bei Frauen in ihren Zwanzigern. Weltweit sind die häufigsten Todesursachen bei 15- bis 19-jährigen Frauen Schwangerschaft und Geburt.
Diese Erfahrungen hat auch Geziw Wogeayehu gemacht. Seit 20 Jahren arbeitet die heute alte Frau als Hebamme und hat so vielen Kindern auf die Welt geholfen, dass sie aufgehört hat, mitzuzählen. Oft hätte die Geburt bei jungen Müttern drei, ja vier Tage gedauert, erzählt sie. Und oft hätte sie ihnen nicht helfen können, und das Kind, oder das Kind und seine Mutter, seien gestorben. Seit einigen Jahren besuche sie Weiterbildungskurse, und ihre Erfolgsquote sei dadurch gestiegen.

Warten auf die nächste Generation. „Heuer habe ich aber erst zehn Geburten gehabt“, sagt Geziw, und liefert auch gleich ihre Erklärung dafür nach: „Weil es bei uns im Dorf jetzt keine Kinderheiraten mehr gibt, kommt die nächste Generation an Müttern erst.“ Auch jene Generation von Frauen, die als Kinder keine Genitalverstümmelungen durchmachen mussten, wächst erst heran. Denn „bisher habe ich noch bei keiner Geburt geholfen, bei der die Frau nicht beschnitten war“.

Fanta Dejen sieht sehr jung aus, für die dritte Klasse Volksschule scheint sie aber doch ein wenig zu alt. Sie sitzt in der ersten Reihe, neben ihr ein Bub, der begierig Zahlen in sein Heft schreibt. Mathematik steht auf dem Stundenplan, die Kinder zeigen ungeduldig auf und wollen zur Tafel gerufen werden. Nur: Fanta ist längst kein Kind mehr – sie gehört der „alten“ Generation an. Fanta ist 24 Jahre alt, und der Kleine neben ihr ist ihr eigenes Kind. Mutter und Sohn werden hier in derselben Schulstufe unterrichtet, sie lernen gemeinsam Lesen und Schreiben, machen gemeinsam die Hausaufgaben.

Fanta konnte sich ihren großen Wunsch aber erst erfüllen, nachdem sie von ihrem Ehemann geschieden worden war, den sie als 16-Jährige hatte heiraten müssen. Jetzt holt sie nach, was sie seinetwegen hatte aufgeben müssen: ihre Ausbildung.

„Nach der Geburt von Zemedkun wollte ich wieder lernen, mein Mann hat es aber verboten“, sagt sie schüchtern und rückt ihr helles Blumenkleid zurecht. Dass sie heute gemeinsam mit dem achtjährigen Sohn die Schulbank drücke, sei zwar schon ein komisches Gefühl, sagt sie. „Ich will aber unbedingt lernen.“

Kommt eine zweite Chance? Was Fanta geschafft hat, gelingt nur wenigen. Brechen die Mädchen nicht sofort mit der Heirat die Schule ab, dann spätestens, wenn das erste Kind unterwegs ist. Und zurück kommen sie nur selten. Ob Fanta irgendwann wieder heiraten will? „Vielleicht bekomme ich eine zweite Chance“, meint sie. „Aber zuerst will ich die Schule fertig machen.“
Mit Frauen wie Fanta, Ayelech und Yemaldu hat die neue Generation schon begonnen.

(c) Die Presse / HR

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2011)